19. Februar 2026 | Podium
Großstädte – Wachstumsmotoren vor besonderen Herausforderungen
Großstädte fungieren als Wachstumsmotoren und Orte der Innovation. In Deutschland machen Berlin und München regelmäßig Schlagzeilen, weil sie besonders viele Startups anziehen. Gleichzeitig sind auch alteingesessene Industrien und etablierte Global Player in diesen Städten angesiedelt.
Aber nicht alle Ballungszentren weisen einen derart vielfältigen Mix an Industrien auf. Ein prominentes Beispiel ist das Ruhrgebiet, das zur Mitte des 20. Jahrhunderts während des Wirtschaftswunders die hohe Nachfrage nach Stahl „Made in Germany“ bediente. Seit dem Niedergang der deutschen Stahlindustrie kämpfen die Städte zwischen Emscher und Ruhr jedoch ums wirtschaftliche Überleben und gegen den Bedeutungsverlust.
Auch heute gibt es äußerst erfolgreiche Städte, etwa Wolfsburg und Stuttgart, die stark von einer einzelnen Industrie abhängig sind: dem Kraftfahrzeugbau. Droht diesen beiden Städten also ein ähnliches Schicksal wie Essen, Duisburg, Bochum und Gelsenkirchen, wenn das Elektroauto den Verbrenner verdrängt?
Dieses und weitere Themen wurden beim zweiten „Workshop on Urban Labor Markets and Local Income Inequality“ diskutiert, einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz, die am 11. und 12. Dezember 2025 am IAB stattfand. Ziel der Veranstaltung war es, den aktuellen Forschungsstand zu städtischen Arbeitsmärkten zu bündeln und Problemfelder zu identifizieren.
Neben der Diversifizierung der lokalen Wirtschaftsstruktur waren weitere prominente Themen das Zusammenspiel von Arbeits- und Wohnungsmarkt, das Pendelverhalten von Beschäftigten und die Ungleichheit innerhalb von Städten. Vertreten waren Nachwuchswissenschaftler*innen und erfahrene Forschende aus Europa, Nordamerika und Australien.
Der Workshop wurde vom Forschungsbereich „Regionale Arbeitsmärkte“ am IAB und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Die Räumliche Stratifizierung lokaler Arbeitsmärkte und ökonomische Mobilität“ finanziert. Dieses Projekt führt das IAB in Kooperation mit der Universität Konstanz durch.
Spezialisierung macht Regionen kurzfristig erfolgreich, doch langfristig kann sie sich rächen
Die Keynote sprach Professor Stephan Heblich von der Universität Toronto, ein Experte für die Analyse langfristiger ökonomischer Entwicklungen. Er ging der Frage nach, wie die lokale Industriestruktur den Aufstieg und Fall von Großstädten beeinflusst. Grundlage seiner Analyse war die ökonomische Entwicklung von Städten in Großbritannien, dem Mutterland der Industrialisierung, über einen Zeitraum von etwa 200 Jahren.
Seiner Analyse zufolge stehen viele Städte, deren Beschäftigtenzahlen im 19. Jahrhundert überdurchschnittlich stark anstiegen, heute wirtschaftlich besonders schlecht da. Andere Städte – allen voran London – konnten ihre Spitzenpositionen behaupten.
Letztere hatten sich weniger stark auf einen Wirtschaftszweig spezialisiert. Sie waren deshalb weniger vom Niedergang einzelner Industrien betroffen als Städte und Regionen, die von einer einzelnen Industrie abhängig waren, wie Liverpool und Manchester von der Stahlindustrie oder Lancashire von der Textilbranche.
Städte und Regionen, die im 19. Jahrhundert stark auf einzelne Industrien gesetzt hatten, weisen heute eine deutlich niedrigere Produktivität auf als solche, in denen sich damals eine vielfältigere lokale Industriestruktur entwickelt hatte.
Dieses Ergebnis ist für die regionale Wirtschaftspolitik äußerst relevant. Es zeigt, dass die Konzentration auf einzelne Wirtschaftszweige zwar kurzfristige Erfolge bringen kann, aber hohe Risiken birgt. Regionen mit einer breiten industriellen Basis sind dagegen langfristig erfolgreicher.
Die Arbeit von Stephan Heblich ist damit zugleich eine Mahnung für die Standorte der deutschen Automobilindustrie, die sich womöglich zu lange auf den internationalen Erfolg dieses einen Industriezweigs verlassen haben.
In den Großstädten sind die Löhne höher, aber die Wohnkosten auch
Das zweite große Thema des Workshops waren die hohen Wohnkosten in den Großstädten. Aus arbeitsökonomischer Sicht sind sie problematisch, weil sie den dringend benötigten Arbeitskräften den Zugang zum lokalen Arbeitsmarkt erschweren. Arbeitskräfte verzichten auf einen Umzug in die Großstadt, weil ihnen die Wohnungen dort zu teuer sind. Gleichzeitig verdrängen steigende Mieten alteingesessene Haushalte mit niedrigeren Einkommen aus den Städten.
Zu diesem Bild passen die Ergebnisse von Nina Gläser, Wissenschaftlerin am IAB. Ihr zufolge hat der Anteil an Hochqualifizierten in zentrumsnahen Nachbarschaften seit Beginn der 2000er Jahre zugenommen, obwohl ihre Jobs recht gleichmäßig über den gesamten Ballungsraum verteilt sind. Sie haben dadurch gering qualifizierte Personen aus diesen zentrumsnahen Nachbarschaften verdrängt, deren Jobs tatsächlich häufig im Zentrum konzentriert sind.
Der Beitrag von Lukas Makovsky, Ph.D., von der Henley Business School in Reading befasste sich mit der Frage, inwiefern die Regulierung von Bautätigkeit das Wachstum von lokalen Arbeitsmärkten einschränkt. Regulierung kann den ausreichenden Neubau von Wohnungen verhindern – etwa, wenn nur wenige neue Baugebiete ausgewiesen werden, oder wenn trotz hoher Nachfrage nicht in die Höhe gebaut werden darf. Derartige Beschränkungen für die zulässige Gebäudehöhe existieren in Deutschland beispielsweise in München, der teuersten Großstadt des Landes.
Wo der Wohnungsbau stark reguliert ist, können sich weniger zusätzlichen Arbeitskräfte in der Stadt ansiedeln. Makovskys Analysen für England zeigen: Wenn in einer Region die Löhne infolge wachsender Produktivität steigen, ziehen zwar viele Arbeitskräfte in diese Region um. In Regionen mit starker Regulierung der Bautätigkeit sind diese Wanderungsbewegungen jedoch wesentlich schwächer ausgeprägt. Besonders Personen mit niedrigerem Qualifikationsniveau finden dann keine adäquaten Wohnungen mehr und meiden den Umzug trotz der besseren Beschäftigungsmöglichkeiten und höheren Löhne in der Zielregion.
Weitere zentrale Themen des Workshops waren die Verdrängung einkommensschwacher Haushalte innerhalb der Großstädte und räumliche Ungleichheit. Letztere kann zu sozialen Problemen führen, die sich wiederum in schlechteren Arbeitsmarktchancen für die Bewohnerinnen und Bewohner der „abgehängten“ Stadtviertel niederschlagen.
So zeigte Professor Sebastian Siegloch von der Universität zu Köln anhand von Daten aus Berlin, dass das Auslaufen von Mietpreisbindungen im sozialen Wohnungsbau Gentrifizierung auslöst. Haushalte mit höheren Einkommen verdrängen die bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner. Das setzt eine Spirale in Gang: Mit den zahlungskräftigeren Neuankömmlingen steigt die Attraktivität des Viertels, die Mieten ziehen an und der Verdrängungsdruck nimmt weiter zu.
In mehreren Vorträgen wurde zudem die Rolle der Wohnungspolitik für lokale Arbeitsmärkte und Nachbarschaften thematisiert. Mietpreiskontrollen schränken die Mobilität von Haushalten ein, wovon vor allem alteingesessene Bewohnerinnen und Bewohner teurer Städte profitieren, wie Professor Maximilian von Ehrlich von der Universität Bern anhand von Schweizer Daten zeigte.
Auch die öffentliche Wohnraumförderung hat deutliche Auswirkungen auf die räumliche Struktur von Arbeits- und Wohnungsmärkten, so Filip Sangild Beck von der Copenhagen Business School. Auswertungen von Luca Perdoni, Ph.D., vom ifo Institut in München zeigen, dass kleinere öffentlich geförderte Wohnbauprojekte positive Auswirkungen auf die umgebenden Nachbarschaften haben – im Gegensatz zu überdimensionierten Projekten, die von der ökonomischen Fachliteratur als schädlich angesehen werden.
Die Zusammensetzung und Qualität von Nachbarschaften ist auch für den Arbeitsmarkterfolg der Bewohnerinnen und Bewohner wichtig. Ein Wegzug in günstigere, oft weniger gut angebundene Stadtviertel verschlechtert deren Jobchancen. Ein zentraler Faktor ist die Erreichbarkeit von Jobs durch den öffentlichen Nahverkehr. Leda Inga, Ph.D., von der Université Clermont Auvergne zeigte dies am Beispiel eines vergünstigten ÖPNV-Tickets für junge Erwachsene in Madrid. Die Vergünstigung führte zu mehr Arbeitsaufnahmen im Zentrum von Madrid – insbesondere unter Personen, die in weiter entfernten Bezirken wohnten.
Beeinflussen höhere Kosten der Unterkunft in den Großstädten die Wohnortwahl von Leistungsempfängern im SGB II?
Auch im Rechtskreis des Zweiten Sozialgesetzbuchs (SGB II) spielen die Wohnkosten eine wichtige Rolle. Im September 2025 entfielen 46 Prozent der Zahlungsansprüche für Gesamtregelleistungen auf die Kosten der Unterkunft, wie Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Weil die Obergrenzen für die Kosten der Unterkunft vom Niveau der örtlichen Mietpreise abhängig sind, können Leistungsbeziehende auch in den vergleichsweise teuren Städten Wohnungen finden.
Martin Wiegand von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona stellte in seinem Beitrag die Frage, wie sich die Berücksichtigung der regionalen Mietniveaus im SGB II auf die Dauer des Leistungsbezugs und die Wohnortwahl der Leistungsbeziehenden auswirkt. Seinen Ergebnissen zufolge ist die Bezugsdauer niedriger, wenn Leistungsbeziehende Mieten oberhalb der örtlichen Angemessenheitsgrenzen haben und deshalb einen Teil der Miete aus dem Regelsatz bezahlen müssen. Auch ziehen Leistungsbeziehende mit Einführung des Arbeitslosengeldes II häufiger in hochpreisige Städte um, als dies noch vor der Einführung im Jahr 2005 der Fall gewesen war. Diese Zuzüge in die Großstädte verursachen wegen der höheren Mieten relativ hohe fiskalische Kosten.
Wiegand kommt angesichts dieser Ergebnisse zu dem Schluss, dass die Unterschiede in den Wohnkosten zwischen Städten und Regionen im SGB II aus ökonomischer Sicht weniger stark berücksichtigt werden sollten.
Ländliche Räume, Pendeln und soziale Netzwerke im Fokus
Städte sind für Firmen interessante Standorte – nicht zuletzt wegen der hohen Dichte an ökonomischer Aktivität. Der daraus resultierende leichtere Austausch von Ideen hat aber auch seine Kehrseite: Sensible Informationen können in diesem Umfeld leichter in den Händen der Konkurrenz landen, etwa, wenn wichtige Mitarbeitende den Arbeitgeber wechseln. Professor Hartmut Egger von der Universität Bayreuth zeigte, dass multinationale Firmen ihre deutschen Standorte häufig in die Peripherie legen – mutmaßlich zum besseren Schutz der Betriebsgeheimnisse.
Professor Fabian Bald von der Viadrina-Universität Frankfurt an der Oder argumentierte in seinem Beitrag, dass Wirtschaftspolitik für ländliche Räume auch die Beschäftigungsneigung von Frauen in den Blick nehmen sollte. Regionen, in denen Frauen leichter ihre Arbeitszeiten ausweiten beziehungsweise in Beschäftigung kommen können, profitieren demnach besonders von lokaler Wirtschaftsförderung.
Durch die Covid-19-Pandemie hat auch berufliches Pendeln an Bedeutung gewonnen. Christian Hoefnagel von der Universität von Utrecht zeigte anhand niederländischer Daten, dass die Pendeldistanz in Berufen zugenommen hat, in denen die Angestellten von zu Hause arbeiten können.
Auch die sozialen Netzwerke beeinflussen die Entfernung der Arbeit zum Wohnort. So konnte Anna Zaharieva, Professorin an der Universität Bielefeld, nachweisen, dass Jobs, die von Freunden, Bekannten und Verwandten vermittelt wurden, häufiger in derselben Stadt waren, als dies bei anderen Jobs der Fall war. Die Vermittlung ging allerdings mit einer schlechteren Passung zwischen Arbeitsplatz und Person einher. Offenbar nehmen viele Menschen Kompromisse in Kauf, um einen Umzug zu vermeiden.
Schließlich stellte Niklas Vetterer vom IAB Ergebnisse zur intergenerationellen Mobilität in Deutschland vor. Darunter verstehen Ökonomen den Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Eltern und dem eigenen Verdienst: je schwächer dieser Zusammenhang, desto höher die intergenerationelle Mobilität.
Vetterer zeigte, dass der Verdienst der Kinder in der Tat höher war, wenn der Vater ein höheres Einkommen erzielt hatte. In Süddeutschland war dieser Zusammenhang jedoch deutlich schwächer ausgeprägt als im bundesdeutschen Durchschnitt. Ein beruflicher Aufstieg für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten scheint dort leichter möglich zu sein als in anderen Regionen – mutmaßlich aufgrund der guten Beschäftigungsmöglichkeiten in dieser Region.
Der Workshop verdeutlichte, wie eng in Großstädten Arbeitsmarkt, Wohnraum und soziale Ungleichheit miteinander verknüpft sind. Hohe Dichte, Vielfalt und Innovation fördern wirtschaftlichen Erfolg. Zugleich führen steigende Mieten und Spezialisierung auf einzelne Branchen zu sozialen und ökonomischen Risiken. Für die Wissenschaft liefern die Ergebnisse neue Evidenz darüber, wie regionale Strukturen und politische Maßnahmen städtische Arbeitsmärkte formen und welche Faktoren für nachhaltige Stadtentwicklung entscheidend sind.
Die dritte Ausgabe des Workshops ist für das Jahr 2027 geplant.
Bild: Lukassek/stock.adobe.com
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260219.01
Mense, Andreas (2026): Großstädte – Wachstumsmotoren vor besonderen Herausforderungen, In: IAB-Forum 19. Februar 2026, https://iab-forum.de/grossstaedte-wachstumsmotoren-vor-besonderen-herausforderungen/, Abrufdatum: 19. February 2026
Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Autoren:
- Andreas Mense

Dr. Andreas Mense ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Regionale Arbeitsmärkte“ am IAB.