Wie schaffen wir einen Arbeitsmarkt, der allen Geschlechtern gleiche Chancen bietet? In ihrem neuen Sammelband „Geschlechtergerecht gestalten“ bündeln Silke Bothfeld, Aysel Yollu-Tok, Christian Hohendanner und Petra Schütt aktuelle Forschung und gleichstellungspolitische Debatten. Über ihre Ergebnisse berichten sie in einem Gespräch mit der Redaktion des IAB-Forum.

Trotz zahlreicher Bemühungen und Erfolge in der Gleichstellungspolitik seit Ende der 1990er Jahre bestehen in der Praxis nach wie vor erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt. Die Beiträge des Sammelbands „Geschlechtergerecht gestalten. Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik“ bieten einen umfassenden Überblick über die aktuelle geschlechtsbezogene Forschung zu Arbeit und Arbeitsmarktpolitik und verbinden historische Aspekte, Gegenwartsanalysen sowie gesellschaftliche Transformationsprozesse und Lösungsansätze.

Was war der zentrale Impuls für Ihren Sammelband?

Silke Bothfeld ist Professorin für Politikmanagement an der Hochschule Bremen.

Silke Bothfeld: Auf der Jahrestagung 2022 der Deutschen Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung stellten wir fest, dass Geschlechtergerechtigkeit seit zehn Jahren nicht mehr als Schwerpunktthema behandelt wurde.

Petra Schütt: Deshalb liefern wir jetzt eine aktuelle Bestandsaufnahme der geschlechtersensiblen Forschung. Außerdem bündeln wir in dem Sammelband die wissenschafts- und gleichstellungspolitischen Debatten und zeichnen die Entwicklungslinien der letzten zwei Jahrzehnte nach.

Silke Bothfeld: Wir wollen deutlich machen, dass Geschlechtergerechtigkeit keine reine Frauenfrage ist, sondern eine zentrale und aktuelle Gestaltungsaufgabe für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, insbesondere angesichts der tiefgreifenden Transformationen, die wir gerade erleben.

Ihr Buch zeigt, dass der Arbeitsmarkt in vielen Bereichen hartnäckig geschlechtersegregiert bleibt. Können Sie dafür ein paar Beispiele nennen?

Christian Hohendanner: Wir sehen eine starke Konzentration von Frauen in personenbezogenen Dienstleistungen, etwa im Gesundheits- und Sozialwesen oder in der Erziehung. Umgekehrt bleiben technische Berufe und MINT-Felder nach wie vor männlich dominiert, trotz gestiegener Absolventinnen-Zahlen. Diese Situation erweist sich seit Jahren als bemerkenswert stabil. Vertikal stoßen wir auf die klassische „gläserne Decke“: Frauen sind in Führungspositionen der Privatwirtschaft weiterhin stark unterrepräsentiert, insbesondere im Top-Management.

Aysel Yollu-Tok: Stark segregiert beziehungsweise ungleich verteilt ist auch das Erwerbsarbeitsvolumen. Die hohe Teilzeitquote bei Frauen prägt den deutschen Arbeitsmarkt seit Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass Frauen weniger arbeiten würden. Zählt man die unentgeltlich erbrachte Versorgungsarbeit hinzu, arbeiten Frauen sogar mehr als Männer. Dennoch haben Frauen durch ihre Teilzeiterwerbsarbeit Nachteile, denn Teilzeit ist häufig mit niedrigerem Einkommen, schlechteren Karriereperspektiven und einer geringeren Absicherung im Sozialversicherungssystem verbunden.

Aysel Yollu-Tok ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin sowie Direktorin des Harriet Taylor Mill-Instituts für Ökonomie und Geschlechterforschung an der HWR Berlin.

Aysel Yollu-Tok ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin sowie Direktorin des Harriet Taylor Mill-Instituts für Ökonomie und Geschlechterforschung an der HWR Berlin.

Warum ändert sich an dieser Segregation so wenig?

Bothfeld: Die Ursachen sind vielschichtig, lassen sich jedoch auf einen strukturellen Kern zurückführen: hartnäckige kulturelle Wertmuster und Rollenbilder, die Frauen nach wie vor primär für Sorgearbeit verantwortlich machen. Dies zeigt sich auch in Benachteiligungen in Unternehmen – bei Einstellung, Eingruppierung und Aufstiegschancen. Diese Dynamik verdichtet sich besonders in der sogenannten Retraditionalisierungsfalle, die häufig mit der Geburt des ersten Kindes greift.

Bothfeld: Gleichbehandlung muss in den innerbetrieblichen Prozessen durchsetzbar werden.

Dabei stehen aber bislang vor allem Frauen im Fokus der Analysen.

Bothfeld: Das stimmt. Die Rollenbilder, Erwartungen und Handlungsspielräume von Männern werden noch immer zu wenig berücksichtigt. Entscheidend ist, Männern reale Möglichkeiten zu eröffnen, sich substanziell an Care- und Hausarbeit zu beteiligen. Dem stehen jedoch vielfach betriebliche Strukturen entgegen, die sich weiterhin am Leitbild des männlichen „Normalarbeitnehmers“ orientieren, also an einer Person, die jederzeit voll verfügbar ist. Dieses Modell begrenzt nicht nur Männer, die mehr familiäre Verantwortung übernehmen möchten, sondern stabilisiert zugleich die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit, indem Frauen faktisch weiterhin den größeren Anteil tragen. Daher muss auch in den Betrieben angesetzt werden und Gleichbehandlung in den innerbetrieblichen Prozessen durchsetzbar werden. Wir sind auch gespannt, wie die Bundesregierung die Verpflichtungen in diesem Jahr umsetzen wird, die sich aus der EU-Entgelttransparenzrichtlinie ergeben. Der Nachholbedarf in Deutschland ist vielfach benannt worden und der fortbestehende Gender-Pay-Gap spricht Bände.

Welche arbeits- oder sozialpolitischen Instrumente müssten außerdem dringend neu gedacht werden?

Yollu-Tok: Dringend neu gedacht werden muss die steuerliche und sozialrechtliche Begünstigung der Einverdiener- oder Zuverdienst-Ehe. Sie sorgt dafür, dass sich zusätzliche Erwerbsarbeit für den zweiten Verdiener – meist Frauen – finanziell oft kaum lohnt. Auch Minijobs sind in ihrer jetzigen Form ein Problem, weil sie viele Menschen in geringfügiger Beschäftigung festhalten, ohne echte soziale Absicherung oder Aufstiegschancen. Deshalb brauchen wir einen Kurswechsel: eine Besteuerung, die jede Person einzeln erfasst, und eine Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro. Das würde reguläre, existenzsichernde Arbeit attraktiver machen. Eine Reform des Steuer- und Transfersystems muss jedoch von Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit begleitet werden, sonst führt sie schlicht zur Gefahr einer Doppelbelastung von erwerbstätigen Frauen.

Yollu-Tok: Der Gender-Care-Gap führt zu einem Gender-Pay-Gap und dieser zu einem Gender-Pension-Gap.

Eine geschlechtergerechte Arbeitsgesellschaft ist nicht möglich, solange Care-Arbeit überwiegend weiblich bleibt?

Yollu-Tok: Genau. Solange Frauen den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit leisten, werden sie auf dem Erwerbsarbeitsmarkt strukturell benachteiligt bleiben: durch Teilzeitbeschäftigung, Karriereknicks und geringere Renten. Man könnte sagen: Der Gender-Care-Gap führt zu einem Gender-Pay-Gap und dieser zu einem Gender-Pension-Gap. Eine geschlechtergerechte Arbeitsgesellschaft setzt eine faire Umverteilung von Sorgearbeit voraus, nicht nur zwischen den Geschlechtern, auch zwischen Privatheit und Staat. Wir brauchen Modelle, die „atmende Lebensläufe“ ermöglichen, in denen Erwerbs- und Sorgearbeit für alle Geschlechter vereinbar sind. Das ist ein Konzept, das etwa Karin Jurczyk und Hannah Völkle in ihrem Beitrag vorschlagen.

Petra Schütt ist Soziologin und verantwortet die kommunale Beschäftigungspolitik der Landeshauptstadt München im Referat für Arbeit und Wirtschaft.

Dr. Petra Schütt ist Soziologin und verantwortet die kommunale Beschäftigungspolitik der Landeshauptstadt München im Referat für Arbeit und Wirtschaft.

Geschlechterungleichheit entsteht aber auch im betrieblichen Alltag. Welche Rolle kommt dabei den Unternehmen zu?

Schütt: Sie sind auf jeden Fall zentrale Akteure: Sie können Innovationsherde für Gleichstellung sein, aber auch Bollwerke tradierter Strukturen. Ungleichheiten entstehen oft durch intransparente Entlohnungssysteme, informelle Aufstiegswege oder Präsenzkulturen, die Teilzeitbeschäftigte – meist Frauen – diskriminieren. Unternehmen haben aber die Macht, dies zu ändern: durch transparente Entgeltstrukturen, gezielte Frauenförderung, familienbewusste Arbeitszeitmodelle und eine Kultur, die Väter darin unterstützt, Elternzeit zu nehmen. Sinnvoll wäre auch, Betriebsräte mehr in Gleichstellungsfragen zu schulen; schließlich setzen sie sich für die Beschäftigten im Betrieb ein.

Hohendanner: Reformen im sozialen Sektor sind herausfordernd. Das liegt an einer Mischung aus ökonomischen Zwängen und politischer Vermeidung.

Frau Yollu-Tok und Herr Hohendanner: In Ihrem gemeinsamen Aufsatz geht es um den sozialen Sektor. Der wird überwiegend von Frauen getragen, hat herausfordernde Arbeitsbedingungen und ist gleichzeitig systemrelevant. Warum tut sich die Politik ausgerechnet hier so schwer?

Hohendanner: Generell sind politische Reformen im sozialen Sektor herausfordernd. Das liegt an einer Mischung aus ökonomischen Zwängen und politischer Vermeidung, verschärft dadurch, wie komplex und enorm heterogen dieser Bereich ist. Von Kita bis Pflege, mit kommunalen, kirchlichen und privaten Trägern – da fehlt oft eine gemeinsame politische Stimme. Trotz der Vielfalt hat der soziale Sektor eine widersprüchliche Gemeinsamkeit: Er macht die Erwerbstätigkeit vieler Frauen erst möglich, gleichzeitig reproduziert er geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Es sind eben überwiegend die Frauen, die pflegen, betreuen und soziale Hilfen leisten – sei es bezahlt im sozialen Sektor oder unbezahlt zu Hause.

Dr. Christian Hohendanner ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.

Dr. Christian Hohendanner ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Betriebe und Beschäftigung am IAB.

Yollu-Tok: Die Politik verlässt sich aktuell noch stark auf diesen „Care-Ethos“ der mehrheitlich weiblichen Beschäftigten. Diese Frauen kompensieren strukturelle Defizite durch ihre hohe intrinsische Motivation und persönliches Engagement. Der demografische Wandel führt jedoch dazu, dass sich der Personalmangel im sozialen Sektor verschärft. Will man die Attraktivität der Beschäftigung aufrechterhalten, muss man die Perspektive der Beschäftigten – und das sind nun mal achtzig Prozent Frauen – stärker in den Blick nehmen.

Welche Rolle spielt die EU dabei, Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsmarkt voranzubringen?

Bothfeld: Seit ihrer Gründung gibt die EU immer wieder entscheidende Impulse und ist oft der Motor, der die nationale Gesetzgebung in vielen EU-Mitgliedsstaaten vorantreibt. Richtlinien wie zur Entgelttransparenz oder zur Work-Life-Balance setzen verbindliche Standards und bringen damit auch Deutschland unter Zugzwang. Der EU-Vergleich zeigt, Deutschland liegt bei den Gleichstellungsindikatoren häufig unter dem Durchschnitt – etwa beim Pay-Gap oder bei den Führungspositionen. Die EU bietet zudem den Rahmen für den Vergleich und Austausch von Best-Practices. Ohne den Druck aus Brüssel wären viele gleichstellungspolitische Fortschritte in Deutschland vermutlich noch langsamer verlaufen.

Schütt: Rollenbilder darüber, was „gute Mütter“, „engagierte Väter“ oder „normale Erwerbsbiografien“ sind, haben eine starke Wirkung.

Der Titel Ihres Sammelbands spricht von „Möglichkeiten und Grenzen“: Wo stößt Gleichstellungspolitik heute ganz konkret an ihre Grenzen?

Schütt: Wenn wir heute über die Grenzen der Gleichstellungspolitik sprechen, dann hat das kaum noch mit fehlendem Wissen zu tun. Wir wissen längst, was wirkt: Wir kennen die Mechanismen hinter Lohnunterschieden, der ungleichen Verteilung von Sorgearbeit oder der Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen. Das Problembewusstsein und auch die Datenlage sind da, aber die Umsetzung bleibt schleppend. Aus zwei Gründen. Zum einen sind wie bereits von Silke Bothfeld gesagt, viele dieser Ungleichheiten kulturell tief verankert. Rollenbilder darüber, was „gute Mütter“, „engagierte Väter“ oder „normale Erwerbsbiografien“ sind, haben eine starke Wirkung.

Hohendanner: Gleichzeitig liegen genau hier die größten Möglichkeiten.

Schütt: Genau. Werte und Normen sind nicht unveränderlich. Wir sehen gerade bei jüngeren Generationen ein wachsendes Bedürfnis nach partnerschaftlicher Arbeitsteilung, nach Vereinbarkeit und nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen. Wenn die Politik diese Veränderungen aufgreift und durch passende Rahmenbedingungen unterstützt, kann sie gesellschaftliche Dynamiken verstärken, statt gegen sie anzukämpfen.

Denn zum anderen ist Gleichstellung immer mit Umverteilung und Machtfragen verbunden. Und da werden wir bei der Bezahlung, mehr Beschäftigung im sozialen Sektor oder auch der Förderung von beruflichem Aufstieg von Frauen immer auch mit Widerständen rechnen müssen. Daher sind Gleichstellungsgesetze so wichtig, die ein geschlechtergerechtes Verhalten von und in den Unternehmen einfordern.

Schütt: Steuerpolitik, Infrastruktur und Care-Arbeit wirken wie Zahnräder: Nur wenn sie ineinandergreifen, kommt Gleichstellung wirklich voran.

Cover des Sammelbandes „Geschlechtergerecht gestalten. Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik“. Er ist im Campus-Verlag erschienen.

Der Sammelband „Geschlechtergerecht gestalten. Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik“ ist im Campus-Verlag erschienen.

Wenn Sie nur drei politische Hebel hätten: Welche Reformen würden kurzfristig die größten Effekte für mehr Geschlechtergerechtigkeit bringen?

Bothfeld: Die Hebel müssten dort ansetzen, wo Ungleichheit strukturell entsteht: im Steuer- und Sozialsystem, in der Infrastruktur und in der Verteilung der Sorgearbeit.

Erstens müssten wir, wie Aysel Yollu-Tok vorhin angebracht hat, weg von der Zuverdienerlogik und hin zur Individualbesteuerung und Sozialversicherung ab dem ersten Euro. Das schafft sofort starke Erwerbsanreize und beendet die Begünstigung von Minijobs, die Frauen in ökonomischer Abhängigkeit halten.

Zweitens muss gute Kinder- und Pflegeinfrastruktur massiv ausgebaut werden. Ohne verlässliche Betreuung bleibt Gleichstellung eine leere Hülle. Drittens brauchen wir eine Gleichstellungspolitik auf allen Ebenen. Dort, wo über die Ausgaben und Investitionen öffentlicher Mittel entschieden wird, aber auch in den Betrieben, wo nicht nachvollziehbare Ungleichbehandlung, Diskriminierung oder sexuelle Belästigung geschieht.

Kurz, es braucht einen gleichstellungspolitischen Dreischritt: positive ökonomische Anreize für die Erwerbstätigkeit von Frauen, gute Rahmenbedingungen für eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung, wenn Kinder da sind, und Regulierung am Arbeitsplatz, die dort greift, wo die Einsicht in die Anwendung bestehender Regeln nicht besteht oder Regeln gezielt umgangen werden.

Schütt: Und zwar alles gleichzeitig. Man könnte sagen, Steuerpolitik, Infrastruktur und Care-Arbeit wirken wie Zahnräder: Nur wenn sie ineinandergreifen, kommt Gleichstellung wirklich voran.

Yollu-Tok: Wir sehen eine junge Generation, Frauen wie Männer, die alte Rollenbilder zunehmend in Frage stellt.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass sich etwas bewegt?

Yollu-Tok: Hoffnung macht uns die gut ausgebildete institutionelle Infrastruktur der Gleichstellungs- und der Vereinbarkeitspolitik in Deutschland, und das Zusammenspiel von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Wir haben heute eine ausdifferenzierte und breite Landschaft der Geschlechterforschung, eine sehr viel bessere Datenlage und differenzierte Indikatoren, die Ungleichheiten sichtbar machen. Zudem sehen wir eine junge Generation, Frauen wie Männer, die alte Rollenbilder zunehmend in Frage stellt. Auch die Tatsache, dass ökonomische Notwendigkeiten – wie der Fachkräftebedarf – in dieselbe Richtung weisen wie gleichstellungspolitische Ziele, schafft ein Gelegenheitsfenster für Veränderungen.

Hohendanner: Optimistisch stimmen mich bei allen Herausforderungen im sozialen Sektor auch die Verbesserungen dort: Die Akademisierung wertet die sozialen Berufe eindeutig auf, und auch tarifpolitisch hat sich Entscheidendes getan. Frauen haben im sozialen Sektor außerdem deutlich häufiger eine Führungsposition inne als in anderen Branchen und Wirtschaftszweigen.

Bothfeld: Ich sehe die Auswirkungen der digitalen und sozial-ökologischen Transformation auf die Geschlechterverhältnisse als noch nicht ausreichend erforscht.

Nach diesem Sammelband: Welche offenen Fragen sehen Sie als nächstes besonders zentral für die Gleichstellungsforschung?

Yollu-Tok: Ich sehe vor allem die intersektionale Perspektive als noch offenes Forschungsfeld. Benachteiligung entsteht am Arbeitsmarkt selten entlang nur einer Achse. Sie ist das Ergebnis überlagernder Macht- und Ausschlussverhältnisse. Eine Frau mit akademischem Abschluss erlebt den Arbeitsmarkt fundamental anders als eine migrantische Frau im Niedriglohnbereich oder eine alleinerziehende Mutter ohne formale Qualifikation. Die intersektionale Perspektive relativiert den Fokus auf Frauen also nicht, sie schärft ihn. Sie macht sichtbar, dass Frauen keine homogene Gruppe sind und dass sich Ungleichheiten je nach sozialer Lage, Migrationsgeschichte, Bildung oder Erwerbsstatus sehr unterschiedlich ausprägen.

Bothfeld: Ich sehe die Auswirkungen der digitalen und sozial-ökologischen Transformation auf die Geschlechterverhältnisse als noch nicht ausreichend erforscht – etwa die Frage, ob durch die Digitalisierung neue Formen der Diskriminierung entstehen oder ob „grüne Jobs“ männlich dominiert bleiben. Dabei wird es zum einen darum gehen, die Chance der grünen Berufe zu nutzen, um die technischen Berufe auch für Frauen attraktiv zu machen. Zum anderen müssen die sozialen und Gesundheitsdienstleistungen immer auch als tragende Säule von Wertschöpfung und Beschäftigung mitgedacht werden.

Gerechtigkeit zwischen den Sektoren und Branchen herzustellen ist aber nicht nur ein gleichstellungspolitisches Gebot. Auch ökonomisch ist es sinnvoll, Standorte durch gute Dienstleistungsstrukturen attraktiv zu gestalten und eben auch Frauen bei der Wahl eines technischen Berufs besser zu unterstützen. Die sozial-ökologische Transformation sehe ich deshalb als ein gesellschaftspolitisches Großprojekt. Schließlich bleibt die Frage virulent, wie wir Sorgearbeit gesellschaftlich neu bewerten und organisieren können, jenseits der klassischen Erwerbszentrierung.

Schütt: Wir haben heute zwar eine gute institutionelle gleichstellungspolitische Infrastruktur, etwa durch die Gleichstellungsbeauftragten in der öffentlichen Verwaltung und auf kommunaler Ebene. Allerdings wissen wir kaum etwas über deren Handlungsspielräume, Einfluss und Wirkung auf lokaler Ebene. Hier würde eine bessere Wissensbasis hilfreich sein, um deren Arbeit zu unterstützen und auf effektive gleichstellungspolitische Hebel, aber auch Hürden aufmerksam zu machen. Erst recht, wenn es um die Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungs- und Infrastrukturangeboten geht, die in der sozial-ökologischen Transformation ohne Frage an zusätzlicher Bedeutung gewinnen.

 

Literatur:

Bothfeld, Silke; Hohendanner, Christian; Schütt, Petra; Yollu-Tok, Aysel (Hrsg.) (2026): Geschlechtergerecht gestalten. Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Frankfurt-New York: Campus-Verlag.

 

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DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260127.01

 

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