13. Februar 2026 | Podium
Haben oder Nichthaben: Chancengleichheit und sozialer Aufstieg in den OECD-Ländern
Eine aktuelle OECD-Studie zur Chancengleichheit befasst sich damit, inwieweit die wirtschaftliche Ungleichheit von Startbedingungen beeinflusst wird, die die Menschen nicht kontrollieren können. Neben dem sozio-ökonomischen Hintergrund, dem Alter und dem Geschlecht steht dabei insbesondere der Wohnort im Fokus.
Beim gemeinsamen Webinar des OECD-Berlin Centres und des IAB, das am 6. Oktober 2025 in der Reihe „OECD-Gesellschaftssalon“ stattfand, ging es sowohl um Ergebnisse der Studie als auch um die Frage, welche Politik inmitten eines rasanten technologischen und sozialen Wandlungsprozesses allen Menschen die wesentlichen Fähigkeiten und Ressourcen an die Hand geben kann, damit sie ihre Chancen auch nutzen können.
Balestra: In der OECD kann durchschnittlich fast 30 Prozent der Einkommensungleichheit von den Individuen nicht kontrolliert werden.
Carlotta Balestra, Senior Economist bei der OECD, zeigte auf Basis aktueller Daten, dass seit der Großen Rezession 2008/2009 die Einkommensungleichheit zwar zurückgegangen ist, nicht aber die Ungleichheit der Startbedingungen. Dabei kommt dem Einfluss des Elternhauses eine Schlüsselrolle zu. Das Geschlecht beeinflusst ebenfalls die Ungleichheit in Deutschland relativ deutlich. Der Urbanisierungsgrad ist hierzulande dagegen von vergleichsweise geringer Bedeutung.
Um die Startchancen zu verbessern, ist eine Verbesserung sowohl der wirtschaftlichen Dynamik als auch der Möglichkeiten der Individuen, diese Chancen wahrnehmen zu können, erforderlich. Letzteres kann geschehen, indem die Entwicklung des Humankapitals, des Erwerbs von Vermögen und der sozialen Infrastruktur gefördert werden.
An der anschließenden Diskussion, die Nicola Brandt vom OECD Berlin Centre moderierte, erörterten Silke Anger vom IAB, Sebastian Findeisen von der Universität Konstanz, Ludger Wößmann vom Ifo Institut und Volker Schmitt von der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung aktuelle Entwicklungen und sprachen über relevante Mechanismen.
Anger: Die Übergänge zwischen Bildungssystemen und dem Arbeitsmarkt sind entscheidend.
Silke Anger, Leiterin des Forschungsbereichs „Bildung, Qualifizierung und Erwerbsverläufe“ am IAB und Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Bildungsökonomik, an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, regte an, dem Ansatz der OECD durch die Betrachtung der Übergänge zwischen den verschiedenen Systemen der Bildung und des Arbeitsmarktes zu erweitern.
Ein erfolgreicher Übergang in den Arbeitsmarkt setzt sich im weiteren Erwerbsverlauf fort, denn ein Berufsabschluss und praktische Erfahrung schützen später vor Arbeitsmarktrisiken, so Anger. Startchancen im Arbeitsmarkt können durch individuelle Begleitung und qualifizierte Beratung im Berufsorientierungsprozess verbessert werden.
Findeisen: Regionale Unterschiede können sich stark auswirken.

Prof. Dr. Sebastian Findeisen von der Universität Konstanz.
Aus seiner eigenen Forschung berichtete Sebastian Findeisen, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Konstanz, dass die intergenerationale Einkommens- und Bildungsmobilität im Vordergrund der internationalen Vergleiche stehe. Dabei schneide Deutschland schlechter ab als nach den Ergebnissen der präsentierten OECD-Studie. In seinen Studien, so Findeisen, hätten regionale Unterschiede und solche von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund einen relativ großen Einfluss.
Wößmann: Die Einkommenssituation der Eltern sollte ebenfalls berücksichtigt werden.

Prof. Dr. Ludger Wößmann vom ifo Zentrum für Bildungsökonomik. Foto: Tobias Hase/LMU.
Über die Erfassung des Bildungsabschlusses und des Berufs der Eltern hinaus sollte nach Ansicht von Ludger Wößmann, der das ifo Zentrum für Bildungsökonomik leitet, auch die Einkommenssituation der Eltern erfasst werden. Aus Sicht von Wößmann werden bereits vorliegende Studien zur Rolle der Bildung im Erwerbsverlauf eindrucksvoll bestätigt.
Geeignete Ansätze zum Ausgleich von Bildungsunterschieden zwischen verschiedenen sozialen Gruppen sind laut Wößmann, der außerdem Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Bildungsökonomik, an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ist, das Mentoring und die frühe Sprachförderung.
Schmitt: Vermögensungleichheit sollte breiter erfasst werden.
Volker Schmitt, Referent bei der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung, regte an, das Thema der Vermögensungleichheit weiterzudenken. In diesem Bereich gebe es auch neue wissenschaftliche Entwicklungen, zum Beispiel zu Survey-Daten der Europäischen Zentralbank. Damit könnten die von der OECD verwendeten Daten zum Immobilieneigentum ergänzt werden. Schmitt wies zudem darauf hin, dass im internationalen Vergleich auch die Umverteilungssysteme von großer Bedeutung sind.
Abschließend sprachen sowohl Ludger Wößmann als auch Volker Schmitt die mit der föderalen Struktur in Deutschland verbundenen Herausforderungen an. Silke Anger ging auf die Bedeutung der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in diesem Zusammenhang ein und betonte die Notwendigkeit der evidenzbasierten Politikberatung.
Die Präsentation von Carlotta Balestra und ein Video von der Veranstaltung finden Sie auf der OECD-Website.
Bild: Dusan Petkovic/stock.adobe.com
DOI:10.48720/IAB.FOO.20260213.01
Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Autoren:
- Lutz Bellmann


Prof. Dr. Lutz Bellmann leitete bis 2021 den Forschungsbereich „Betriebe und Beschäftigung“ am IAB und war Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Arbeitsökonomie, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie Professor an der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń.