15. Mai 2026 | Podium
Nürnberger Gespräche: Deutschland 2030 – Zukunft gestalten, Chancen nutzen
Bei den jüngsten Nürnberger Gesprächen ging es nicht zuletzt um die Job- und Zukunftschancen junger Menschen in einer sich rapide verändernden Wirtschaft. Daher hatte das IAB, das die Veranstaltung gemeinsam mit der Stadt Nürnberg organisiert, auch Vertreter*innen der jungen Generation aus Schulen und Hochschulen eingeladen. Sie wurden gebeten, die Probleme und Herausforderungen zu schildern, mit denen sie sich am Arbeitsmarkt konfrontiert sehen.
Elisabeth Ries: „Das Eintreten gegen Diskriminierung ist Teil unserer Innovationskraft.“
In ihrer Einführung schilderte Nürnbergs Sozialreferentin Elisabeth Ries, die kurzfristig für Oberbürgermeister Marcus König eingesprungen war, wie sie auf die gewaltigen Herausforderungen blickt, vor denen Deutschland als Ganzes und Nürnberg als Kommune stehen, darunter die Digitalisierung, die notwendige Erneuerung der Infrastruktur oder die gravierenden Probleme der Automobilzulieferindustrie, die in der Region eine erhebliche Rolle spielt.
Nürnberg habe sich dennoch immer wieder neu erfunden und werde dies auch in Zukunft tun, sagte Ries. Die Stadt habe trotz aller Herausforderungen großes Zukunftspotenzial. Ein mächtiger Hebel dafür sei die Wirtschafts- und Wissenschaftsförderung, etwa mit der Technischen Universität Nürnberg oder dem AI Hub.
Zum Erfolg der Transformation können nach Einschätzung von Ries aber auch die vielen Menschen mit Migrationsgeschichte beitragen, die in der Frankenmetropole ihre Heimat gefunden haben: 51 Prozent der Bürger*innen der Stadt haben laut Ries eine Migrationsgeschichte – bei den unter 19-Jährigen mehr als zwei Drittel. In dieser Diversität sieht die Sozialdezernentin eine der Stärken Nürnbergs, die es zu nutzen gelte. Daher dient das Eintreten gegen Diskriminierung nach ihrer Überzeugung auch der Innovationskraft Nürnbergs.
Elisabeth Ries, Referentin der Stadt Nürnberg für Jugend, Familie und Soziales, blickte in ihrer Einführung auf die gewaltigen Herausforderungen, vor denen Deutschland im Großen wie im Kleinen steht.
Julia Bangerth ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DATEV.
Julia Bangerth: „Der Schlüssel liegt in der Anpassungsfähigkeit.“
Auf die Frage des Moderators Patrick Rist, Redakteur beim Radiosender 98.6 Charivari, wie wir im Jahr 2030 arbeiten werden, hatte Julia Bangerth eine klare Antwort: Ziel müsse es sein, die Beschäftigungsfähigkeit von Menschen auch langfristig zu erhalten, sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DATEV in Nürnberg. Denn die beruflichen Anforderungen an die Beschäftigten verändern sich vor allem wegen der enormen Schnelligkeit der Transformation.
Die Menschen müssten in die Lage versetzt werden, mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Dies bedeute aber für jeden Mitarbeitenden etwas anderes – Weiterbildung mit der Gießkanne ergibt für Bangerth keinen Sinn. Kontextbezogenes und passgenaues Re- und Upskilling durch die Unternehmen sei deshalb von zentraler Bedeutung.
Zugleich erlebten auch die häufig beschworenen Soft Skills in der Diskussion im voll besetzten Rathaussaal eine Renaissance. Denn in diesem Punkt war sich das Podium einig: Da Zertifikate, Zeugnisse und Arbeitserfahrung von Beschäftigten angesichts der enormen Transformationsgeschwindigkeit dauerhaft kaum noch auf der Höhe der Zeit sein könnten, würden Fähigkeiten wie Motivation, Offenheit, Anpassungsbereitschaft und Teamgeist immer wichtiger.
Maximilian Hahnenkamp ist Co-Founder des KI-Startups Scavanger AI.
Maximilian Hahnenkamp: „Wir stellen vor allem Mitarbeiter ein, die für ihre Aufgaben brennen.“
Maximilian Hahnenkamp, Mitbegründer des KI-Startups Scavanger AI, antwortete daher auf die Publikumsfrage, ob er auch Ungelernte in seinem Unternehmen einstellen würde, ohne Umschweife mit „Ja“. Für ihn zählt vor allem die Motivation, sich neue Dinge anzueignen. „Wir stellen vor allem Mitarbeiter ein, die für ihre Aufgaben brennen!“, brachte es der gebürtige Österreicher auf den Punkt.
Mit Blick auf die eigenen Unternehmenskunden sieht Hahnekamp durchaus die Schwierigkeiten am derzeitigen Arbeitsmarkt: Personal werde dort nur selten durch KI ersetzt oder entlassen, allerdings werde sehr viel weniger Personal neu eingestellt. Dies erschwere den Berufseinstieg für junge Menschen. Das beste Beispiel biete sein eigenes Unternehmen: Ursprünglich habe man mit 40 Mitarbeitenden kalkuliert. Nun erreiche man die gesteckten Ziele bereits mit 18 bis 20 Beschäftigten, ein Ergebnis der durch KI massiv gestiegenen Produktivität seines Unternehmens.
Viele ausführende Tätigkeiten könnten laut Hahnenkamp von der KI übernommen werden. Die frei gewordene Zeit, so die durchaus positive Kehrseite, könne dadurch aber vom Menschen sehr viel stärker für kreative Aufgaben genutzt werden. Dem stimmte auch Daniel Terzenbach zu, Mitglied des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit (BA). Er sprang an diesem Abend spontan für BA-Chefin Andrea Nahles ein, die kurzfristig verhindert war. Terzenbach zufolge würden die allermeisten Berufe durch KI künftig nicht einfach wegfallen, sondern sich vor allem in ihren Tätigkeitsinhalten verändern.
Nachgefragt bei drei jungen Menschen
Nina Heinicke, Studentin der Sozialökonomik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Gespräch mit dem Moderator Patrik Rist vom Funkhaus Nürnberg.
Was aber denken und fühlen die jungen Menschen, die im Moment vor der Berufswahl oder dem Ausbildungsabschluss stehen? Um der Antwort auf die Spur zu kommen, baten die Veranstalter einen Schüler, eine Auszubildende und eine Studentin um ihre persönliche Einschätzung. Im ersten „Realitätscheck“ erzählte Marino Bosic, Gymnasiast an der Peter-Vischer-Schule in Nürnberg, von seinen Erfahrungen in Sachen KI im Unterricht. Sein Fazit: Man arbeitet punktuell mit ihr, auch die Lehrer selber. Aber eine systematische Schulung in Sachen KI erfährt er dort nach eigenem Bekunden nicht – und das, obwohl KI seiner Meinung nach der goldene Schlüssel zur Zukunft sein könnte.
Den Druck, KI produktivitätssteigernd zu verwenden, spürt auch Nina Heinicke, Studentin der Sozialökonomik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie benennt an diesem Abend auch ihr Gefühl der Ohnmacht, das sie beim Gedanken an den kurz bevorstehenden Berufseinstieg verspürt. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich gut darauf vorbereiten kann. Es fühlt sich so an wie ein Glücksrad.“ Obwohl sie bereits zwei Nebenjobs hat, bei denen Zukunftstechnologien eine Rolle spielen, verunsichert sie die Intransparenz darüber, welche Fähigkeiten in Zukunft gebraucht würden.
Cemre Kaya hingegen, Auszubildende bei der Stadt Nürnberg, sprüht geradezu vor Optimismus. Sie lässt sich zur Verwaltungsfachangestellten ausbilden und fühlt sich wohl an ihrem Arbeitsplatz: „Die Arbeit macht mir Spaß, deshalb kann ich auch eine gute Leistung bringen.“ Dazu trage auch der sichere Arbeitsplatz bei der Stadt bei, der ihr gute Bedingungen biete. Einziges Manko: Sie fühlt sich nicht gut über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten informiert – sowohl vor der Ausbildung also auch jetzt.
Daniel Terzenbach ist Mitglied im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.
Daniel Terzenbach: „Wasserdichte Jobs gibt es nicht.“
Diese Schwierigkeiten kennt auch Daniel Terzenbach. Das Problem vieler Jugendlicher sei allerdings nicht, dass sie zu wenig Informationen erhalten. Vielmehr seien sie überfordert von der Vielzahl an Möglichkeiten, dem „Dschungel an Angeboten“. Er plädierte daher für eine bessere Kooperation zwischen Schule, Berufsberatung und Unternehmen, um Jugendlichen eine konkrete Vorstellung verschiedener Berufe näher zu bringen.
Er betonte mehrfach, wie wichtig eine bessere Vernetzung der Akteure im Kleinen wie im Großen sei. Am wichtigsten sei es, den eigenen Interessen zu folgen. Und es bedürfe einer guten Grundausbildung – schulisch wie beruflich, so Terzenbach. „Wasserdichte Jobs“ gibt es aus seiner Sicht nicht. Entscheide man sich aber gegen die eigenen Neigungen, werde ein Abbruch der Ausbildung oder ein Berufswechsel wahrscheinlicher.
Der BA-Vorstand riet jungen Menschen, die eigenen Möglichkeiten auszuspielen und sich für die Jobsuche Unterstützung zu holen bei Familie, Freunden, Bekannten und der Berufsberatung. Oder auch, wie Julia Bangerth hinzufügte, durch digitale Netzwerke wie LinkedIn. Scham, so betont Terzenbach, sei hier jedenfalls völlig fehl am Platz.
Auch Hahnenkamp rät davon ab, sich zu sehr auf nur eine bestimmte Branche zu konzentrieren: „Es macht am meisten Sinn, sich mit den Sachen auseinander zu setzen, die einen am meisten interessieren, sich so viel Wissen darin aufzubauen, wie man kann und sich dann Tag und Nacht damit zu beschäftigen.“ Für ihn ist es immer ein Vorteil, „wenn man in etwas wirklich gut ist – KI hin oder her“.
Leonie Gebers ist Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
Leonie Gebers: „Wir dürfen die Schwächeren nicht aus dem Blick verlieren.“
Dass Jugendliche dem eigenen Herzen folgen sollten, davon ist auch Leonie Gerbers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, überzeugt. Zugleich warb sie im Gespräch immer wieder um Verständnis für die Ängste und Unsicherheiten der Menschen. Gerade Deutschland mit seiner exportorientierten Wirtschaft sei von der extrem hohen politischen und ökonomischen Unsicherheit in der Weltwirtschaft massiv betroffen. All dies beeinflusse das Verhalten der Wirtschaftsakteure und belaste letztlich den Arbeitsmarkt.
Hier sieht sie auch die Politik in der Pflicht: Sie müsse mehr Zuversicht verbreiten. Dazu gehört ihrer Ansicht nach auch, Schwächere am Arbeitsmarkt nicht aus dem Blick zu verlieren. So müssten gerade Geringqualifizierte häufiger als bisher weitergebildet werden. Mit den anderen Podiumsgästen war sie sich außerdem darin einig, dass die Diskussion in Deutschland insgesamt viel zu defizitorientiert geführt werde. Stattdessen, so das einhellige Credo auf dem Podium, müsse viel mehr auf die Stärken und Potenziale jedes Einzelnen gesetzt werden.
Bernd Fitzenberger: „Wir brauchen mehr und bessere Bildung.“
Bernd Fitzenberger, Ph.D., Direktor des IAB, sprach das Schlusswort.
Deutschland, so IAB-Direktor Bernd Fitzenberger in seinem Schlusswort, sei gut in der Evolution, also darin, Bestehendes zu verbessern, beispielsweise den Diesel effizienter zu machen – aber weniger gut darin, die Marktführerschaft bei gänzlich neuen Technologien wie etwa E-Autos zu erringen. Zu einer erfolgreichen Transformation gehört für den gelernten Volkswirt auch „mehr und bessere Bildung“. Leider habe das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem hier aber kaum Fortschritte gemacht, sagte Fitzenberger und verwies etwa auf die hohe Zahl an Studienabbrechern.
Für junge Menschen mit guter Ausbildung hat Fitzenberger eine gute und eine schlechte Nachricht in petto: Ihnen drohe, wie Studien klar belegt hätten, auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten kein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit. Aber: „Die Jobsuche dauert länger und auch mit dem Traumberuf wird es vielleicht nichts!“ Flexibilität und Offenheit für Neues seien daher gerade für Berufseinsteiger wichtiger denn je.
Ein weiteres Transformationshemmnis macht Fitzenberger in den insgesamt zu hohen Bürokratielasten aus. Er zitierte eine IAB-Studie, derzufolge die deutschen Unternehmen in den letzten drei Jahren nach eigenen Angaben 325.000 Arbeitskräfte zusätzlich eingestellt haben, allein um die gewachsene Bürokratie zu bewältigen. Auch in der Tatsache, dass Deutschland immer älter wird, sieht der IAB-Direktor eine veritable Transformationsbremse, wenn die Weiterbildung und Arbeitsmarktmobilität Älterer weiter auf dem derzeitigen niedrigen Niveau verharrt. Diesen „großen gordischen Knoten“ gelte es zu durchschlagen.
Dass die Diskussion um die schwierige Lage der Wirtschaft – und damit auch am Arbeitsmarkt – gerade viele junge Menschen umtreibt, zeigten nicht zuletzt die zahlreichen engagierten Wortmeldungen aus dem Publikum. Die gesamte Diskussion und alle Wortbeiträge können Sie im Veranstaltungsvideo auf dem YouTube-Kanal des IAB nachverfolgen.
Impressionen von der Veranstaltung
Bilder: Wolfram Murr, Photofabrik
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260515.01
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Autoren:
- Martin Schludi
- Johanna Mauer