Deutschland und Frankreich stehen wie viele andere OECD-Länder unter starkem Anpassungsdruck. Beide kämpfen mit einem Mangel an Fachkräften und der teils unzureichenden Nachhaltigkeit ihrer sozialen Sicherungssysteme, insbesondere der Rentensysteme. Zugleich sind Rentenreformen in beiden Ländern in der Regel unpopulär und politisch umstritten. Doch bei aller Ähnlichkeit der Probleme sind die Ausgangspunkte der zwei Länder teils unterschiedlich: Während Deutschland mit einer deutlich schnelleren demografischen Alterung der Bevölkerung zu kämpfen hat, hinkt Frankreich bei der Beschäftigung Älterer stark hinterher.

Über diese Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze diskutierte am 14. Januar 2026 eine Expertenrunde aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen eines Webinars, zum dem das OECD Centre Berlin gemeinsam mit der französischen Botschaft in Berlin und dem IAB eingeladen hatte (Work and Retirement in France and Germany – Reform Impact on Employment, Productivity and Sustainability/ Arbeit und Renteneintritt in Frankreich und Deutschland – Auswirkungen von Reformen auf Beschäftigung, Produktivität und Nachhaltigkeit).

Grundlage der Diskussion bildeten die Ergebnisse einer aktuellen international vergleichenden OECD-Studie. Im Untersuchungszeitraum von 1980 bis 2025 stieg der Anteil Älterer am Arbeitsmarkt in beiden Ländern an – allerdings unterschiedlich stark. Betrachtet man den Übergang in die Rente, gehen die Franzosen weit früher in den Ruhestand als die Deutschen. Das hat demografische, kulturelle wie politische Gründe.

Gleiche Herausforderungen, unterschiedliche Ausgangspunkte

Auf demografische Unterschiede in Deutschland und Frankreich wies zunächst der OECD-Arbeitsmarktexperte Hervé Boulhol in seinem Impulsvortrag („Work and retirement in ageing societies with a focus on France and Germany“) hin. So ist etwa die Geburtenziffer in Frankreich sehr viel höher als in Deutschland (laut Statista 1,66 versus 1,38 im Jahr 2023). Trotzdem entwickelte sich der Altersquotient (65+/20-64 Jahre) in beiden Ländern unterm Strich bisher relativ gleichläufig: Im Jahr 2025 lag er in beiden Ländern knapp über 40 Prozent. Diese Gemeinsamkeit, so Boulhol, gilt aber nicht für die Zukunft: Während für Deutschland bis 2070 ein Rückgang der Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter um 22 Prozent prognostiziert wird, sind es in Frankreich lediglich 3 Prozent.

Warum stehen die Rentensysteme trotz dieser Unterschiede auch in Frankreich vergleichbar unter Druck? Eine Erklärung liefern die Zahlen zur Erwerbsarbeit älterer Personengruppen: In Deutschland liegt der Anteil der erwerbstätigen Personen im Alter zwischen 60 und 64 nach Angaben der OECD bei ca. 65 Prozent, in Frankreich nur bei knapp über 40 Prozent – weit niedriger als im OECD-Durchschnitt. Der signifikant frühere Renteneintritt in Frankreich wiegt die Vorteile der höheren Geburtenrate gegenüber Deutschland damit mehr als auf. Als wichtigsten Grund für den früheren Renteneintritt der Franzosen sieht Bouhoul die zahlreichen Sondersysteme in der Alterssicherung. Insbesondere Privilegien, die gelten, wenn eine bestimmte Anzahl von Beitragsjahren zur Rentenversicherung erreicht ist, sorgten für zahlreiche Möglichkeiten, sehr früh und vielfach ohne größere Abschläge aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden. Auch bei der Rentenhöhe ist das französiche System deutlich großzügiger: Während die reguläre abschlagsfreie Rente für einen Durchschnittsverdiener in Deutschland nach OECD-Definition 53 Prozent des Erwerbseinkommens beträgt, liegt sie in Frankreich bei 70 Prozent. Entsprechend höher ist dort auch der durchschnittliche Beitragssatz (27,8 versus 18,6%). Bemerkenswerterweise liegt die Gesamtbelastung durch Steuern und Abgaben für Beschäftigte beidseits des Rheins dennoch auf gleichem Niveau: Sie ist für eine ledige Person mit Durchschnittsverdienst und ohne Kinder – aufgrund der höheren Einkommenssteuer in Deutschland –fast identisch (Frankreich: 47,2%; Deutschland: 47, 9%) – im OECD-Mittel sind es lediglich 34,9 Prozent.

Anschließend debattierten namhafte Expert*innen aus Wissenschaft und Politik die präsentierten Befunde und mögliche Reformvorschläge. Unter der Moderation von Nicola Brandt vom OECD Berlin Centre diskutierten der französische Rentenexperte Antoine Bozio von der Paris School of Economics, Giulia Giupponi, Arbeitsmarktexpertin an der Bocconi University, Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Entwicklung am IAB und Jérôme Brouillet, Gesandter für Wirtschaftsangelegenheiten der französischen Botschaft in Berlin.

Giupponi: Ein höheres Renteneintrittsalter belastet bestimmte Gruppen überproportional

Giulia Giupponi führt den höheren Beschäftigtenanteil Älterer in Deutschland vor allem darauf zurück, dass Deutschland das Renteneintrittsalter in den letzten Jahrzehnten progressiv erhöht hat. Auch gebe es weniger Möglichkeiten, früher abschlagsfrei in den Ruhestand zu gehen, als in Frankreich. Dort, so Antonio Bozio, nutzen viele Beschäftigte die zahlreichen Wege, völlig regulär und mit geringen Abschlägen früher in Rente zu gehen. Folglich sei es gerade in Frankreich problematisch, von einem einheitlichen gesetzlichen Renteneintrittsalter auszugehen. Nach Einschätzung von Giupponi belastet eine Erhöhung des Rentenalters allerdings Erwerbstätige mit schwerer körperlicher Tätigkeit, mit Erkrankungen oder Personen, die Angehörige pflegen, überproportional. Gruppen, die deshalb früher in Rente gehen müssen, sind zudem häufig einkommensschwächer. Sie würden demnach durch ein höheres Renteneintrittsalter zusätzlich bestraft. Giupponi fordert deshalb flankierende Maßnahmen für Erwerbstätige, die nur schwer das reguläre Eintrittsalter erreichen können.

Brouillet: In Frankreich herrscht eine Kultur der Frührente

Jerome Brouillet begründet den in Frankreich sehr ausgeprägten Trend zur Frühverrentung mit einer Rentenreform in den 1980er Jahren unter François Mitterrand. Seither hätten sich die „magischen 60 Jahre“ zu einer Bastion der französischen Sozialpolitik entwickelt. Von dieser „Errungenschaft“ wollten viele Französinnen und Franzosen nicht abrücken. Selbst wenn sie länger arbeiten könnten, wollten es die meisten nicht. Verschärft wird dieses Problem durch das Senioritätsprinzip, demzufolge Ältere traditionell deutlich besser verdienen als Jüngere. Viele Firmen seien aber nicht mehr bereit, den hohen Gehaltserwartungen Älterer zu entsprechen. Brouillet zufolge könnte eine Lösung darin bestehen, dass der Staat diese Differenz teilweise ausgleicht, um ein verfrühtes Ausscheiden zu verhindern. Allerdings könnten auch in Frankreich beileibe nicht alle in Frührente gehen: Ärmere Menschen erfüllten häufig nicht die Bedingungen für eine Frührente, weil sie zum Beispiel keine 42 Beitragsjahre vorweisen könnten.

Bozio: Frühverrentung braucht andere Voraussetzungen

Bozio fordert für die Gruppe, die es keinesfalls bis zum regulären Renteneintritt schafft, eine Möglichkeit zur Frühverrentung ohne Nachteile. Anders als in Frankreich müssten sich die Bedingungen für diese Frührente allerdings auf gesundheitliche Gründe oder Pflegeverpflichtungen beschränken. Der Effekt auf den Arbeitsmarkt sei in diesen Fällen gering – denn die Betroffenen hätten sowieso nicht bis zu einem regulären Renteneintrittsalter gearbeitet.

Weber: Wir brauchen flexiblere Modelle und stärkere Anreize

Nach Ansicht von Enzo Weber sollte der Fokus statt auf starren Altersgrenzen in Deutschland auf einem flexiblen Anreizsystem liegen. Anstatt Lebensleistung durch einen abschlagsfreien Frühverrentungsanspruch zu belohnen, schlägt Weber Aufschläge von 0,5 Prozent für jeden Monat vor, der über ein Startalter hinaus gearbeitet wird, und Sonderzuschläge bei langen Beitragsjahren. Zugleich schwebt Weber vor, Arbeitsverträge nicht wie bisher automatisch mit dem regulären Renteneintrittsalter enden zu lassen, sondern nur dann, wenn das explizit gewünscht ist.

Neben flexibleren Modellen fordert Weber einen stärkeren Fokus auf die Weiterqualifizierung von älteren Beschäftigten. Auf diese Weise könnte vor allem Personal, das zuvor in körperlich belastenden Berufen gearbeitet hat, länger auf dem Arbeitsmarkt gehalten werden. Auf dem französischen Arbeitsmarkt fehlt laut Bozio schlicht der Anreiz und Druck, Beschäftigte weiterzuentwickeln. Viele Personen sind im späteren Berufsleben nicht mehr lange genug beschäftigt, sodass sich eine Umschulung für die Betriebe nicht mehr lohne. Deshalb plädiert auch er für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, die frühzeitig eine berufliche Umorientierung erlauben, sei es innerhalb oder außerhalb des bisherigen Unternehmens.

Boulhol: OECD rät von Sonderrechten für Beamte ab

Enzo Weber warnte davor, dass Unternehmen auf ökonomische Krisen wieder verstärkt dadurch reagieren, dass sie ältere Beschäftigte aus finanziellen Gründen in den Vorruhestand entlassen – für Weber der falsche Ansatz. Frühere und zukunftsorientierte Qualifizierung und Weiterentwicklung böten eine volkswirtschaftlich sehr viel bessere Lösung, um Frühverrentung, aber auch späte Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Die Politik könne alle Akteure des Arbeitsmarkts durch Beratungs- und Vermittlungsangebote unterstützen. Dabei spielten passende Optionen für eine neue Zielindustrie eine wichtige Rolle: Weber schwebt vor, dass im besten Fall keine grundsätzlich neuen Fähigkeiten erlernt, sondern die vorhandenen weiterentwickelt und auf eine neue Anwendung zugeschnitten werden. Dazu brauche es neue Netzwerke zwischen der Arbeitsmarktpolitik und Betrieben – und finanzielle Unterstützung, um Jobwechsel zu fördern.

Als zusätzliches Problem wird in der Debatte häufig der Sonderstatus von Staatsangestellten gesehen. In vier OECD-Mitgliedstaaten gibt es ein vollständig separates System für Beamte: Belgien, Frankreich, Korea und Deutschland. Die restlichen Länder integrieren die Gruppe teilweise oder vollständig in das reguläre Rentensystem. Nach Einschätzung von Boulhol hatte diese Integration zumeist fiskalische Gründe. Einige europäische Staaten bauten diese Sonderrechte beispielsweise unter dem Druck der globalen Finanzkrise ab. In Italien geschah dies hingegen im Zuge des Beitritts zur EU. Laut Boulhol sieht auch die OECD die bestehenden Privilegien von Beamten kritisch: Sie sorgten nicht nur für große Ungleichheit, sondern auch für Ineffizienzen auf dem Arbeitsmarkt, weil sie Berufswechsel erschwerten. Insofern sei eine Harmonisierung wünschenswert.

Ein Video der Veranstaltung finden Sie auf der OECD-Website.

 

Literatur

Weber, Enzo (2025): Eine ganz neue Rente. Gastbeitrag in der FAZ vom 15.12.2025

 

Bild: Halfpoint/stock.adobe.com
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260309.01

Mauer, Johanna; Schludi, Martin (2026): Rentenreformen in Deutschland und Frankreich im Vergleich – eine Bestandsaufnahme, In: IAB-Forum 9. März 2026, https://iab-forum.de/rentenreformen-in-deutschland-und-frankreich-im-vergleich-eine-bestandsaufnahme/, Abrufdatum: 9. March 2026

 

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