Der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus erhöhen den Druck auf die internationalen Energiemärkte und treffen auch die deutsche Wirtschaft. Enzo Weber und Melanie Arntz vom IAB erläutern im Gespräch mit dem IAB-Forum die Folgen des Preisschocks und rücken vor allem die wachsende wirtschaftliche Unsicherheit und ihre Auswirkungen auf Investitionen in den Fokus. Sie diskutieren zudem die beschlossenen politischen Maßnahmen und betonen die Notwendigkeit klarer wirtschaftspolitischer Signale.

Der Iran-Krieg dominiert die Schlagzeilen, die Straße von Hormus ist weiter blockiert. Wie groß ist aus ökonomischer Sicht der Schaden bereits jetzt?

Prof. Dr. Enzo Weber

Prof. Dr. Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB.

Enzo Weber: Unsere Prognose zeichnet da ein recht deutliches Bild. Wenn sich der Konflikt und seine Auswirkungen bis zum Sommer hinziehen, verliert Deutschland nach unseren Annahmen rund 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts — das wären etwa 14 Milliarden Euro. Und dass es bis zum Sommer dauert, halte ich im Moment für ein realistisches Szenario.

Prof. Dr. Melanie Arntz

Prof. Dr. Melanie Arntz ist Vizedirektorin des IAB.

Melanie Arntz: Falls der Konflikt nicht sogar länger anhalten wird. Aktuell können wir angesichts der geopolitischen Gemengelage kaum etwas absehen.

2022 ließ der Energiepreisschock auch die Inflation stark ansteigen. Ist das ein Szenario, das sich jetzt wiederholt?

Enzo Weber: Bisher ist der Schock heute nicht so groß wie damals. Als der Ukraine-Krieg begann, war die Inflation zudem bereits hoch, und die explodierenden Energiepreise haben sie zusätzlich nach oben getrieben. Heute ist die Ausgangslage eine andere. Wir hatten gerade wieder Normalinflation erreicht.

Aber natürlich bleibt der aktuelle Ölpreisschock nicht folgenlos. Ölimporte entsprechen in Deutschland gut einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Steigen die Preise hier um rund 30 Prozent, pflanzt sich das fort: Transporte verteuern sich und Lebensmittel kosten mehr – nicht zuletzt wegen höherer Kosten für Energie und Düngemittel. Die Inflation wird also steigen. Aber wenn der Preisschock in diesem Rahmen bleibt, wird sie ein gutes Stück geringer ausfallen als in der letzten Runde.

Ein Problem ist die wirtschaftliche Unsicherheit.

Wo werden die wirtschaftlichen Folgen dieses Krieges in Deutschland zuerst sichtbar?

Melanie Arntz: Am unmittelbarsten natürlich bei den Energiepreisen, die Enzo Weber gerade angesprochen hat. Deutschland bezieht zwar nicht in großem Maßstab Gas und Öl über die Straße von Hormus, aber die globale Verknappung trifft auch uns. Für alle wurde das schon an der Zapfsäule sichtbar – aber dabei bleibt es nicht. Nach und nach verteuern sich auch Produkte, deren Herstellung Energie benötigt.

Aber auch die Lieferketten geraten unter Druck. Über die Straße von Hormus fließen nicht nur Öl und Gas, sondern andere wichtige Vorprodukte, zum Beispiel für die Halbleiter- oder Medizintechnik. Sobald dort ebenfalls Engpässe entstehen, wird das weitreichende Auswirkungen haben. Ein weiteres Problem, das ich sehe, ist die wirtschaftliche Unsicherheit. Nach den Krisen der vergangenen Jahre ist sie ohnehin hoch, angefangen mit der Covid-19-Pandemie, der Energiekrise 2022, gefolgt von den Handelskonflikten. Jetzt kommt ein weiterer Schock dazu. Das ist keine gute Ausgangslage für die wirtschaftliche Erholung, die Deutschland eigentlich dringend bräuchte.

Lässt sich diese neue Verunsicherung bereits in den Daten erkennen?

Enzo Weber: Ja, und zwar ziemlich deutlich. Vor allem die Erwartungsindikatoren – also die Einschätzungen der Unternehmen für die kommenden Monate – haben unmittelbar nachgegeben. Die aktuelle Geschäftslage wird bislang noch als stabil bewertet, aber erfahrungsgemäß folgt sie zeitverzögert. Ein weiterer Hinweis ist der Economic-Policy-Uncertainty-Index. Er erfasst, wie häufig wirtschaftliche Unsicherheit in großen Tageszeitungen thematisiert wird, und zeigt für März bereits einen klaren Anstieg. Das ist umso bemerkenswerter, als wir uns ohnehin seit einigen Jahren auf einem ungewöhnlich hohen Unsicherheitsniveau bewegen.

Die deutsche Wirtschaft steckt bereits seit einigen Jahren in einer Erneuerungskrise.

Was ist das größte Problem an dieser Unsicherheit?

Enzo Weber: Vor allem bremst sie Investitionen. Unternehmen verschieben oder streichen Projekte, solange die Rahmenbedingungen unklar sind. Das trifft Deutschland in einer Phase, in der eigentlich das Gegenteil nötig wäre: hohe Investitionen, um die Wirtschaft umzubauen. Aus meiner Sicht steckt die deutsche Wirtschaft nämlich bereits seit einigen Jahren in einer Erneuerungskrise.

Legt dieser externe Schock also bestehende strukturelle Schwächen offen?

Melanie Arntz: Sicherlich. Ein Land, das gut aufgestellt ist, kann solche Schocks besser abfedern. Wir aber befinden uns in einer Situation sinkender Wettbewerbsfähigkeit und sind durch unseren hohen Industrieanteil und die starke Abhängigkeit von der Weltwirtschaft ohnehin anfällig. Dazu kommt die Lage am Arbeitsmarkt: Die Abgänge aus der Arbeitslosigkeit waren in den letzten zwei Jahren bereits sehr niedrig, weil zu wenig neue Stellen entstanden sind. Nun werden wir wegen der gestiegenen Unsicherheit in den nächsten Monaten weiter in dieser Stagnation bleiben. Umso wichtiger wäre es, jetzt nicht nur Krisenmanagement zu betreiben, sondern wichtige Strukturreformen voranzubringen: Investitionen ankurbeln, Lohnstückkosten begrenzen, Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Der Tankrabatt ist teuer und wenig zielgenau.

Die Politik hat jetzt zwei Maßnahmen als direkte Reaktion auf die Krise umgesetzt. Die erste ist ein zweimonatigen Tankrabatt. Was halten Sie davon?

Melanie Arntz: Aus meiner Sicht ist das teuer und wenig zielgenau. Preise erfüllen aus ökonomischer Sicht ja eine wichtige Funktion: Sie setzen Anreize, knappe Ressourcen sparsamer zu verwenden und wirken dadurch auch solchen Preisschocks entgegen. Dieses Instrument kostet dagegen sehr viel Geld. Der Rabatt wird an der Tankstelle auch nicht vollständig weitergegeben. 2022 hätte uns da eine Lehre sein können.

Außerdem erreicht der Rabatt nicht primär die Menschen, die am stärksten unter dem Preisschock leiden: die einkommensschwachen Haushalte. Dabei müssten wir vor allem sie in dieser Situation zielgenauer unterstützen, etwa über direkte Transfers oder ein subventioniertes ÖPNV-Ticket. Auch über die Unterstützung energieintensiver Unternehmen muss man in der Lage nachdenken. Kurz gesagt: Das knappe Geld gehört in zielgenaue Maßnahmen und Strukturreformen investiert, nicht in einen allgemeinen Tankrabatt.

Auch bei der freiwilligen Prämie überwiegen die Gegenargumente.

Und wie bewerten Sie die freiwillige Inflationsausgleichsprämie für Arbeitnehmer?

Enzo Weber: Auch hier überwiegen für mich die Gegenargumente. Diese Prämie hat 2022 zwar recht gut funktioniert, kam aber mit einer großen, konzertierten Aktion. Rund 86 Prozent der Tarifbeschäftigten haben davon profitiert. Ich glaube nicht, dass sich das einfach so in gleichem Umfang wiederholen lässt. Gleichzeitig zeigte sich damals schon ein zentrales Problem: Beschäftigte mit niedrigen Einkommen bekamen viel seltener und geringere Prämien. Dazu kommt die zeitliche Verzögerung. Die Prämien wurden zwar 2022 ermöglicht, ausgezahlt wurden sie aber oft erst deutlich später, teils mehr als ein Jahr danach. Übertragen auf die aktuelle Situation heißt das: Die Auszahlung kommt wahrscheinlich oft erst im Sommer 2027 bei den Beschäftigten an. Das ist für die Menschen gefühlt eine Ewigkeit.

Melanie Arntz: Der größte Nachteil der Prämie ist für mich, dass sie in dieser Form zu selten diejenigen erreicht, die sie am dringendsten brauchen. Für eine schnelle Entlastung einkommensschwacher Haushalte halte ich deshalb Direktzahlungen am sinnvollsten. Allerdings stoßen wir hier an administrative Grenzen. Der Staat ist derzeit kaum in der Lage, diese Haushalte kurzfristig und treffsicher zu identifizieren und zu erreichen. Das ist letztlich ein Digitalisierungsproblem und zeigt, dass strukturelle Defizite uns in Krisen deutlich weniger resilient machen.

Gäbe es einen Weg, die Prämie noch zu verbessern?

Enzo Weber: Man könnte auch den Arbeitgebern steuerliche Anreize bieten. Denkbar wäre zum Beispiel, dass sie Prämienzahlungen doppelt von der steuerlichen Gewinnermittlung absetzen oder anteilig als Vorsteuerabzug bei der Umsatzsteuer gelten machen könnten. Dann hätte man einen echten Deal, bei dem alle etwas beisteuern und alle schnell profitieren. Das wäre ein relativ simpler Mechanismus.

Herr Weber, Sie haben auch die Einkommensteuerreform ins Spiel gebracht. Warum wäre das in Ihren Augen besser?

Enzo Weber: Weil man damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Geringverdiener hätten sofort weniger Lohnsteuerabzug, und zwar jeden Monat. Gleichzeitig würde man endlich bessere Erwerbsanreize schaffen. Beides wirkt nicht nur kurzfristig, wie es bei einer Pauschalzahlung der Fall wäre, sondern strukturell – also weit über die aktuelle Situation hinaus.

Melanie Arntz: Da sind wir auf einer Linie. Die Einkommensteuerreform ist absolut sinnvoll, insbesondere wegen der Arbeitsanreize. Aber sie löst nicht das akute Problem der einkommensschwachen Haushalte. Der Zeithorizont, bis die Reform greifen würde, ist einfach zu lange.

Enzo Weber: Die Einkommensteuerreform steht im Koalitionsvertrag und ist derzeit für den Jahresbeginn 2027 angesetzt. Damit wäre sie immerhin schneller wirksam als eine Prämie, die erst in einer Tarifrunde im Sommer 2027 ausbezahlt wird. Deswegen hätte die Reform für mich Priorität.

Melanie Arntz: Aber zusätzlich müssen wir trotzdem die administrativen Wege schaffen, mit Prämien eine Akuthilfe an besonders Betroffene zu leisten. Eine Steuerreform für die dauerhafte Entlastung – und parallel ein besser funktionierender Mechanismus für schnelle Krisenreaktionen. Beides muss gehen.

Die Kernaufgabe der Politik ist jetzt, das System widerstandsfähiger zu machen.

Was wäre jetzt der größte wirtschaftspolitische Fehler, den die deutsche Politik machen könnte?

Melanie Arntz: Sich von dieser Krise so treiben zu lassen, dass man die wirklich wichtigen Reformen wieder verschleppt. Genau das ist in den vergangenen Jahren zu oft passiert. Die Kernaufgabe der Politik ist doch jetzt, das System widerstandsfähiger zu machen. Wir müssen uns nach dem Schock Handlungsspielräume aufbauen, um für den nächsten gewappnet zu sein. Denn nach dem Schock ist vor dem Schock. Das sollten alle inzwischen gelernt haben.

Enzo Weber: Wir hangeln uns seit sieben Jahren von Krise zu Krise. Krisenmanagement ist auch eine Leistung, aber das allein schafft keinen Fortschritt. Was jetzt gebraucht wird, ist eine klare wirtschaftspolitische Linie. Dazu gehören mehr gezielte Infrastrukturinvestitionen mit Fokus auf neue Technologien, stärkere Förderung von Gründungen vor allem im industriellen Bereich und der Abbau überholter Subventionen. Gleichzeitig sollte man zentrale Steuerungsinstrumente nicht infrage stellen – etwa den CO₂-Preis. Ihn zu opfern, um kurzfristig die Energiepreise zu senken, würde langfristig mehr schaden als helfen.

Melanie Arntz: Die Politik muss signalisieren: Aus so einem Schock kann auch ein Aufbruch werden. Das wäre beim letzten Mal schon notwendig gewesen, scheiterte damals aber unter anderem an Finanzierungsschwierigkeiten. Die Finanzierung hat die neue Regierung als erste Amtshandlung deutlich verbessert, jetzt muss sie aber auch die Konzepte dafür hinterherschieben.

Enzo Weber: Am Arbeitsmarkt ist ebenfalls mehr Bewegung erforderlich: Übergänge zwischen Jobs sollten einfacher werden, etwa indem Abfindungen steuerlich vom Einkommen in neuen Beschäftigungsverhältnissen abgesetzt werden können. Das würde Mobilität fördern, statt sie zu bremsen. Man könnte auch bei Risikoinvestitionen über erweiterte Befristungsmöglichkeiten nachdenken. Also größere Flexibilität zielgenau da schaffen, wo wir sie brauchen.

Melanie Arntz: Das kann ich nur unterstützen. Wir brauchen mehr Dynamik in ganz vielen Bereichen.

Wie bewerten Sie den Vorschlag einer Übergewinnsteuer?

Melanie Arntz: Es ist kein Geheimnis, dass eine solche Steuer ökonomisch strittig ist – und das aus gutem Grund. Auf den ersten Blick erscheint sie als Instrument der fairen Verteilung gerechtfertigt. Allerdings würde sie die Standortattraktivität senken. Das Kernproblem ist für mich aber die problematische Abgrenzung: Was ist ein Übergewinn und was nicht? Solche Schwierigkeiten in der Umsetzung machen das Instrument nicht nur umstritten, sondern binden auch Ressourcen, die man besser in die großen Reformbaustellen investieren sollte.

Wir leisten uns einen Energiemarkt, der völlig vermachtet ist.

Enzo Weber: Ich verstehe die Forderung nach einer solchen Steuer: Die Förderkosten für Erdöl sind gleichgeblieben, aber die Preise sind explodiert. Das wirkt natürlich unfair. Aber die praktischen Schwierigkeiten, die Melanie Arntz genannt hat, sind alles andere als trivial. Andererseits sollten wir über diesen Punkt sogar noch hinausgehen: Offensichtlich leisten wir uns einen Energiemarkt, der völlig vermachtet ist. Und wenn uns eine Energiekrise ereilt, wie gerade, versuchen wir, sie mit Korrekturmechanismen in den Griff zu bekommen. Dabei müssten wir ganz offensichtlich diesen Markt ganz grundlegend in den Griff bekommen. Das betrifft vor allem die Wettbewerbsregulierung.

Melanie Arntz: Und zusätzlich die Frage der Abhängigkeiten. Wir müssen die Energieversorgung breiter aufstellen, um solche Preisschocks künftig abzufedern – vor allem durch den Ausbau erneuerbarer Energien und ein konsequenter Wechsel hin zur E-Mobilität.

Enzo Weber: Genau. Regulierung allein reicht nicht, und Diversifizierung allein auch nicht. Beides gehört zusammen.

Zurück zur aktuellen Irankrise: Was ist Ihr realistisches Szenario für die kommenden Monate?

Enzo Weber: Die politische Lage bleibt erratisch, das war ja auch der Ausgangspunkt unseres Gesprächs. Meine Einschätzung ist: Wenn sich der Konflikt bis zum Sommer zieht, kommen wir mit einem blauen Auge davon – und das soll keine Verharmlosung sein. Ein blaues Auge bleibt ein blaues Auge. Wenn der Konflikt länger andauert, werden wir in die Stagnation zurückfallen.

Die Auswirkungen des Irankonflikts hängen nicht nur von der Dauer ab, sondern auch davon, wie wir selbst reagieren.

Melanie Arntz: Ich würde das noch ergänzen: Die Auswirkungen hängen nicht nur von der Dauer des Konflikts ab, sondern auch davon, wie wir selbst reagieren. Wir haben es mit großer externer Unsicherheit zu tun. Wenn sich dazu noch eine innenpolitische Reformunsicherheit gesellt, weil klare Signale aus der Politik fehlen, verstärken sich diese Effekte gegenseitig. Dem muss man jetzt aktiv entgegentreten: mit verlässlichen Rahmenbedingungen, klaren Prioritäten und Planungssicherheit für Unternehmen. Abgesehen von der Frage, wie lange die Krise anhält, kommt es also auch darauf an, ob wir unsere Hausaufgaben machen. Beides wird am Ende entscheidend sein.

 

Bild: pattilabelle/stock.adobe.com

DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260512.01

 

Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de