4. April 2025 | Interviews
„Eine sinkende Beschäftigung erwarten wir in fünf Bundesländern und in mehr als einem Drittel der Agenturbezirke“

Herr Wapler, die wirtschaftliche Schwächephase in Deutschland befindet sich nun schon im dritten Jahr. Spürt man das in allen Regionen?

Dr. Rüdiger Wapler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Regionalen Forschungsnetz des IAB.
Leider ja, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Bedingt durch Unterschiede in den Strukturmerkmalen wie Wirtschaftsstruktur und Demografie kann sich die Situation regionaler Arbeitsmärkte von der auf Bundesebene prognostizierten Entwicklung unterscheiden. So weisen beispielsweise städtisch geprägte Regionen im Vergleich zu ländlich geprägten Gebieten eine andere Zusammensetzung hinsichtlich der beschäftigten Personen und der ansässigen Betriebe auf. Dennoch ist bei dieser Prognose allen Regionen gemein, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird.
Welche Regionen in Westdeutschland sind vom konjunkturbedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit am meisten betroffen?
Zunächst muss man festhalten, dass die schwache Konjunktur nur ein Faktor ist, der den Arbeitsmarkt belastet. Parallel verlaufen Transformationsprozesse, die ebenfalls zu Umwälzungen auf den Arbeitsmärkten führen und die Prognosen beeinflussen.
Im Ergebnis erwarten wir in Westdeutschland – relativ gesehen – die stärksten Anstiege der Zahl der Arbeitslosen in Bayern und Baden-Württemberg. Beide Bundesländer bleiben aber nach wie vor diejenigen mit den geringsten Arbeitslosenquoten im gesamten Bundesgebiet. Allerdings liegt im Osten der relative Anstieg in Mecklenburg-Vorpommern nur knapp unter dem Wert in Bayern und damit höher als in Baden-Württemberg. In Prozentpunkten liegt der Anstieg der Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg und Bayern mit 0,2 Prozentpunkten jedoch am unteren Ende in Deutschland.
Gilt die negative Entwicklung auch für die Beschäftigung?
Eine sinkende Beschäftigung erwarten wir in fünf Bundesländern und in mehr als einem Drittel der Agenturbezirke – außerdem am ehesten in ländlichen Kreisen. Das betrifft etwa einige ostdeutsche Flächenländer und das Saarland. Während im Saarland selbst in einem optimistischen Szenario mit einem Rückgang zu rechnen ist, haben die ostdeutschen Flächenländer in diesem Fall noch die Chance auf ein minimales Beschäftigungswachstum. In den restlichen Regionen gehen wir davon aus, dass die Beschäftigung noch zunimmt, allerdings mit einer deutlich geringeren Dynamik als bisher.
Beim Finanzpaket steht der Gesetzgebungsprozess erst am Anfang, sodass nicht klar ist, ob und wenn ja ab wann sich positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt zeigen.
Die Dynamik des Arbeitsmarktes hängt nicht nur von der Wirtschaftstätigkeit, sondern auch von politischen Entwicklungen ab, die aktuell besonders unvorhersehbar scheinen. Zu nennen wären da die Handelskonflikte mit den USA und das kommende Finanzpaket der Bundesregierung. Wie schwierig ist es in solchen Zeiten, verlässliche Prognosen zu erstellen?
Ich kann mich zwar an keine Prognose erinnern, bei der wir nicht die jeweilige aktuelle Unsicherheit betont haben (lacht), aber Sie haben recht: Dieses Mal ist die Lage erneut sehr unübersichtlich. Die Schwierigkeit ist nicht nur, welche Auswirkungen die politischen Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt haben werden, sondern wann diese vermutlich eintreten. Beispielsweise beim Finanzpaket steht der Gesetzgebungsprozess erst am Anfang, sodass nicht klar ist, ob und wenn ja ab wann sich positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt zeigen.
Aufgrund solcher und weiterer Unsicherheiten geben wir für jede Prognose Unter- und Obergrenzen an. Diese sind so berechnet, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln der tatsächliche Jahresdurchschnitt innerhalb dieser Grenzen liegt. Diese ausführliche Darstellung veröffentlichen wir parallel zu jedem Kurzbericht in einem Tabellenband.
Trotz der Unsicherheit einer Prognose möchte ich aber festhalten: Ohne positive konjunkturpolitische und handelspolitische Impulse dürfte es sehr schwer werden, eine wirtschaftliche Trendwende in Deutschland einzuleiten. Zentrale Herausforderung sind die historisch extrem niedrigen Einstellungschancen für Arbeitsuchende, die unter anderem der schwierigen Lage in der Industrie geschuldet sind.
Literatur
Jörg Heining, Daniel Jahn, Uwe Sujata, Rüdiger Wapler, Antje Weyh und Stefan Fuchs (2024): Regionale Arbeitsmarktprognosen 2025: Wenig Aussicht auf Erholung der regionalen Arbeitsmärkte. IAB-Kurzbericht Nr. 4.
Keitel, Christiane (2025): „Eine sinkende Beschäftigung erwarten wir in fünf Bundesländern und in mehr als einem Drittel der Agenturbezirke“, In: IAB-Forum 4. April 2025, https://www.iab-forum.de/eine-sinkende-beschaeftigung-erwarten-wir-in-fuenf-bundeslaendern-und-in-mehr-als-einem-drittel-der-agenturbezirke/, Abrufdatum: 6. April 2025
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Autoren:
- Christiane Keitel