Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Schwäche zeichnet sich für 2026 wieder eine leichte konjunkturelle Belebung ab. Gleichzeitig bleibt das Umfeld angesichts geopolitischer Risiken unsicher. Welche Folgen das für den deutschen Arbeitsmarkt hat, erklärt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB, im Interview.

Herr Weber, nach mehreren Jahren schwacher Konjunktur erwarten Sie für 2026 ein moderates Wachstum von rund 0,8 Prozent. Was sind die wichtigsten Faktoren, die diese leichte Belebung ermöglichen?

Portraitfoto Prof. Enzo Weber

Prof. Dr. Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB.

Die Konjunktur profitiert von zusätzlichen fiskalischen Mitteln aus dem Infrastrukturfonds und den Ausgaben für Verteidigung, bleibt aber durchwachsen. Vor Beginn des Irankriegs hatten sich die Exporterwartungen aufgehellt und lagen im positiven Bereich. Da die Reallöhne im vergangenen Jahr gestiegen sind, hat sich auch die Kaufkraft und somit die Konsumnachfrage verbessert.

Inwiefern stabilisieren die staatlichen Fiskalpakete derzeit Wirtschaft und Arbeitsmarkt, und wo liegen deren Grenzen?

Die zusätzlichen Mittel für Verteidigung und aus dem Infrastruktur-Sondervermögen geben spürbaren Rückenwind. So haben die Bruttoanlageinvestitionen zugelegt, wozu vor allem die Bauinvestitionen beigetragen haben. Für einen nachhaltigen Effekt kommt es aber auf eine durchgreifende wirtschaftliche Erneuerungspolitik an. Das Finanzierungspaket hat zwar einen Umfang, der stärkere Konjunktureffekte auslösen kann. Entscheidend ist aber die Ausgestaltung. Eine möglichst hohe nachhaltige Wachstumswirkung erreichen wir, wenn Investitionen erweitert und in Bereiche gelenkt werden, die neue Wertschöpfung ermöglichen, und indem Wettbewerb und Innovation sowie die Weiterentwicklung von Arbeitskräften gestärkt werden.

Gleichzeitig ist das globale Umfeld unsicherer geworden, Konflikte und Spannungen nehmen aktuell zu. Wie stark beeinflussen solche geopolitischen Risiken inzwischen Ihre Arbeitsmarktprognosen?

Geopolitische Risiken sind immer ein wichtiger Faktor, weil sie Investitionen, Handel und Lieferketten beeinflussen. Je länger solche Unsicherheiten anhalten, desto stärker wirken sie sich auf die Beschäftigung und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus.

Ein längerer Konflikt könnte weltweite Lieferketten beeinträchtigen.

Wie etwa der vorhin erwähnte Irankrieg?

Genau. Wie stark der Irankrieg die Konjunktur belasten wird, hängt vor allem von seinem Verlauf ab. Ein kürzerer Konflikt könnte von der Wirtschaft gut abgefedert werden, da noch auf Lagerbestände zugegriffen werden kann und sich die Energiepreise schnell wieder normalisieren würden. Ein längerer Konflikt könnte allerdings weltweite Lieferketten beeinträchtigen. Betriebe, die auf Importgüter angewiesen sind, müssten dann ihre Aktivitäten einschränken. Aktuell belasten die höheren Energiepreise bereits die Kaufkraft und dürften die Belebung der Konsumnachfrage abschwächen. Für unsere Prognose gehen wir davon aus, dass sich der Konflikt mit dem Iran und die Auswirkungen noch einige Monate hinziehen werden, dass die Lage aber auch nicht stärker als bisher eskalieren wird. Aufgrund höherer Energiepreise und einer schwächeren Dynamik bei den Exporten erwarten wir, dass das BIP um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte weniger wächst als ohne den Krieg.

Zum ersten Mal seit 2009 wächst die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr.

Also trotz allem noch eine leichte wirtschaftliche Erholung für 2026. Wie wirkt sie sich auf den Arbeitsmarkt aus?

Der Arbeitsmarkt wurde durch die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre und die Transformationskrise beeinträchtigt. Die wirtschaftliche Belebung wird den Arbeitsmarkt stabilisieren. Obwohl die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2026 leicht zunimmt, dürfte sich die Entwicklung im Jahresverlauf verbessern. Das Erwerbspersonenpotenzial nimmt in diesem Jahr allerdings erstmals ab. Dies begrenzt natürlich die Beschäftigungsentwicklung: Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt im Jahresdurchschnitt leicht, und zum ersten Mal seit 2009 wächst die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr.

Besonders deutlich zeigen sich 2026 die Unterschiede zwischen den Branchen: Sie sprechen von einer zweigeteilten Entwicklung der Beschäftigung. Wie meinen Sie das?

Wir sehen einerseits schrumpfende Beschäftigung in der Industrie und damit verbunden in der Zeitarbeit. Die Energiepreissteigerungen und Handelsstörungen aufgrund des Irankriegs und der US-amerikanischen Zollpolitik werden die Industrie zusätzlich belasten. Andererseits wächst aber die Beschäftigung in Branchen wie Pflege, Gesundheit und Erziehung. Das liegt hauptsächlich an der Alterung der Gesellschaft und am Ausbau der Kindertagesbetreuung. Aber auch die innere und äußere Sicherheit spielen hier eine Rolle.

Die Beschäftigung sinkt vor allem in kleineren Betrieben.

Was sagt diese Entwicklung über den strukturellen Wandel der deutschen Wirtschaft aus?

Tatsächlich gewinnen strukturelle Ursachen zunehmend an Bedeutung. Die Beschäftigung sinkt vor allem in kleineren Betrieben. Die wirtschaftlichen Umbrüche infolge der Energiewende und der Transformation setzen die Industrie unter Druck. Auch wenn die Lockerung der Schuldenbremse nun steigende Verteidigungsausgaben erlaubt, gleichen die Effekte in der Rüstungsindustrie und deren Zulieferbranchen das Minus bei weitem nicht aus.

Wenn Sie den Blick über 2026 hinaus richten: Was wird in den kommenden Jahren die größte Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt sein?

Die größten Herausforderungen werden die Digitalisierung und die Dekarbonisierung sein – bei gleichzeitiger demografischer Schrumpfung und einer schwierigeren Position auf den Exportmärkten. In den kommenden Jahren ist der Arbeitsmarkt davon geprägt, dass stark besetzte Jahrgänge in Rente gehen. Zeiten großen Strukturwandels erfordern Erneuerung und Bewegung. Und die Mobilisierung des Arbeitskräfteangebots und die Fachkräftesicherung sind wichtiger denn je, auch zur Finanzierung der Sozialversicherungssysteme.

Literatur

Gartner, Hermann; Hellwagner, Timon; Hummel, Markus; Hutter, Christian; Lochner, Benjamin; Wanger, Susanne; Weber, Enzo; Zika, Gerd (2026): Arbeitsmarktentwicklung 2026: Fiskalpolitischer Rückenwind trifft auf geopolitischen Gegenwind. IAB-Kurzbericht Nr. 5.

 

DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260324.01

 

Keitel, Christiane (2026): IAB-Prognose 2026: „Die Konjunktur profitiert von fiskalischen Impulsen, bleibt aber durchwachsen“, In: IAB-Forum 24. März 2026, https://iab-forum.de/iab-prognose-2026-konjunktur-profitiert-von-fiskalischen-impulsen/, Abrufdatum: 24. March 2026

 

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