Der IAB-Job-Futuromat zeigt, welche beruflichen Tätigkeiten durch digitale Technologien und KI potenziell automatisierbar sind – und welche nicht. Im Interview erklären die Forscherinnen Britta Matthes und Katharina Grienberger, wie das Tool funktioniert, welche Berufe besonders betroffen sind und warum es bei der Berufswahl nicht um die Angst vor der Automatisierbarkeit, sondern vielmehr um Chancen gehen sollte.

Frau Matthes, Frau Grienberger, was genau misst der Job-Futuromat – und was misst er bewusst nicht?

Portrait von Britta Mattes

Dr. Britta Matthes leitet die Forschungsgruppe „Berufe in der Transformation“ am IAB.

Britta Matthes: Der Job-Futuromat misst, wie anfällig Berufe für Automatisierung durch digitale Technologien und Künstliche Intelligenz sind. Wir sprechen dabei von einem sogenannten Substituierbarkeitspotenzial: Es sagt etwas darüber aus, in welchem Ausmaß berufliche Tätigkeiten durch Computer, computergesteuerte Maschinen, KI oder andere digitale Technologien automatisiert werden könnten. Im IAB-Job-Futuromat  stellen wir diese Substituierbarkeitspotenziale für die etwa 4.600 in Deutschland bekannten Berufe online zur Verfügung.

Foto von Dr. Katharina Grienberger

Dr. Katharina Grienberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Berufe in der Transformation (BiT).

Katharina Grienberger: Was der Futuromat bewusst nicht macht, sind Vorhersagen darüber, ob bestimmte Berufe tatsächlich verschwinden oder wie die Beschäftigung in einzelnen Branchen in der Zukunft aussehen wird. Es handelt sich vielmehr um eine Momentaufnahme. Wir betrachten die Tätigkeiten der Berufe zu einem bestimmten Zeitpunkt und schätzen ein, welche Aufgaben automatisierbar wären. Da Technologien weiterentwickelt werden, sich aber auch die Berufe verändern und neue Berufe und Tätigkeiten entstehen, bestimmen wir diese Substituierbarkeitspotenziale alle drei Jahre neu – bislang für 2013, 2016, 2019 und 2022. Momentan sind wir dabei, die Potenziale für das Jahr 2025 zu berechnen.

Das Tool ersetzt also keine Berufsberatung?

Britta Matthes: Auf gar keinen Fall. Allerdings kann der Job-Futuromat durchaus Hinweise geben, wie stark digitale Technologien die Berufe verändern könnten. Deshalb listen wir auch auf, welche Technologien das sein könnten. Somit kann man sich auf eventuelle Veränderungen in einem Beruf vorbereiten, um weiterhin gute Arbeitsmarktchancen zu haben. Oder sich informieren, wie die Situation in anderen Berufen ist.

Berufe verschwinden eher selten, sie verändern sich vor allem.

Viele klicken aus Neugier auf den Job-Futuromaten und erschrecken bei Zahlen wie „Hundert Prozent automatisierbar“. Bedeutet das wirklich, dass ein Beruf verschwindet?

Katharina Grienberger: Nein. Bei den Substituierbarkeitspotenzialen geht es ausschließlich um die technische Machbarkeit. Wenn eine Tätigkeit als substituierbar eingestuft wird, heißt das nicht, dass sie tatsächlich in den nächsten Jahren ersetzt wird. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Substituierbarkeitspotenziale nicht immer und vollständig ausgeschöpft werden können. Ob Tätigkeiten tatsächlich automatisiert werden, hängt von vielen Faktoren ab.
Es müssen etwa ethisch-moralische Abwägungen getroffen werden, zum Beispiel in der Pflege. Teils spielen auch rechtliche Vorgaben eine Rolle, da möchte ich das autonome Fahren nennen. Menschlicher Arbeit wird auch ein Wert an sich beigemessen: Ein von Hand hergestelltes Produkt wird oft höher geschätzt als ein industriell gefertigtes. Außerdem geht es bei einer potenziellen Rationalisierung natürlich auch um Wirtschaftlichkeit, also Kostenaspekte.

Britta Matthes: Berufe verschwinden zudem eher selten, sie verändern sich vor allem. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ausbildungsberuf „Steuerfachangestellte/r“ – ein Beruf, der immer wieder erneuert wurde, weil sich die Anforderungen verändert haben. Er existiert seit 1978 und wurde 1996 das erste Mal grundlegend überarbeitet, weil das Steuerrecht immer komplexer geworden war und verstärkt EDV zum Einsatz kam. Nach unseren Recherchen war er aber seit 2016 zu 100 Prozent automatisierbar, weil alle damals im Beruf typischerweise zu erledigenden Tätigkeiten – technologisch gesehen – automatisierbar waren.

Unsere Einschätzung hat sich geändert, seit die neue Ausbildungsordnung 2023 in Kraft getreten ist: Durch die Anpassungen im Beruf ist die Automatisierbarkeit auf 50 Prozent gesunken. So ist zwar „Buchführung für Mandanten erledigen“ immer noch eine der wichtigsten Aufgaben, aber es geht verstärkt um Betreuung und Beratung, etwa um die Erläuterung von Steuerbescheiden oder um die Begleitung von Betriebsprüfungen. Auch Kassenbücher und Bankbelege müssen weiterhin kontrolliert werden, aber im Fokus steht inzwischen die Weiterverarbeitung digitaler Daten. Hinzugekommen sind außerdem strategische Aufgaben.

Überrascht haben uns anfangs die großen Potenziale der generativen künstlichen Intelligenz.

Gab es einen Moment, in dem Sie selbst überrascht waren, wie weit die Automatisierung schon ist?

Britta Matthes: Wir forschen nun schon seit mittlerweile gut zehn Jahren dazu, welche Auswirkungen die Digitalisierung und der Einsatz von KI auf den Arbeitsmarkt hat. Gestartet sind wir mit Technologien wie den mobilen, kollaborativen Robotern. Über die Zeit sind immer mehr neue digitale Technologien hinzugekommen. Überrascht haben uns anfangs jedoch die großen Potenziale der generativen Künstlichen Intelligenz. ChatGPT und Co sind in aller Munde. Seit 2022 können diese Systeme Tätigkeiten übernehmen wie Programmieren, Texte verfassen, Bilder generieren, von denen man sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen konnte, dass sie ersetzbar sind. Überrascht hat uns dabei vor allem, dass es weniger um die Automatisierung einfacher Routinetätigkeiten geht, sondern dass damit auch höherqualifizierte oder kreative Tätigkeiten automatisierbar geworden sind.

Wie entscheiden Sie denn ganz konkret: Diese Tätigkeit gilt als automatisierbar, eine andere nicht?

Katharina Grienberger: Wir nutzen als Datenbasis berufskundliche Informationen aus der Expertendatenbank BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit. Diese enthält für alle in Deutschland bekannten Berufe, das sind etwa 4.600, umfangreiche Informationen, unter anderem zu den beruflichen Anforderungen, Arbeitsmitteln oder rechtlichen Regelungen. Wir nutzen die den Berufen zugeordneten typischen Tätigkeiten und beurteilen diese in einem unabhängigen Dreifach-Codier-Verfahren danach, ob sie durch Computer erledigt werden könnten. Dafür recherchieren drei Codiererinnen unabhängig voneinander für jede der mehr als 9.000 Tätigkeiten, ob es eine computergesteuerte Maschine oder einen Computeralgorithmus gibt, der diese Tätigkeit vollumfänglich automatisch ausführen könnte.

Zur Recherche gehen wir auf Messen, Tagungen, in Betriebe – oder wir recherchieren im Internet.

Allerdings werten Sie nicht nur Daten aus. Sie fahren selbst in Betriebe, stehen in Hangars oder schauen Softwareentwicklern über die Schulter. Was lernen Sie dort?

Katharina Grienberger: Wenn wir Substituierbarkeitspotenziale ermitteln, schauen wir uns nicht einzelne Berufe an, sondern die konkreten Tätigkeiten, aus denen sie bestehen. Entscheidend ist für uns: Welche dieser Tätigkeiten könnten – rein technisch – automatisiert werden? Dafür beginnen wir bei den jeweils aktuell verfügbaren Technologien. Wir gehen dazu auf Messen, Tagungen, in Betriebe oder recherchieren im Internet. Letztlich geht es nicht um den Beruf an sich, sondern um Fragen wie: Gibt es bereits eine Maschine, die automatisch Texte zusammenfassen kann? Seit KI-Tools wie ChatGPT oder Claude verfügbar sind, würden wir das mit einem Ja beantworten; seitdem ist diese Tätigkeit von uns als automatisierbar eingestuft.

Britta Matthes: Manchmal muss man sich aber auch vor Ort überzeugen, dass eine Tätigkeit tatsächlich automatisierbar ist. Dann gehen wir in Betriebe und lassen uns ganz konkret zeigen, was eine Maschine oder ein Bot kann. Zum Beispiel war es bislang immer noch sehr schwierig, humanoiden Robotern das „Greifen“ beizubringen. Wenn Menschen ein Ei oder ein Glas in die Hand nehmen, regulieren sie ihre Greifkraft unbewusst und blitzschnell über ihre Tastsensoren in der Haut. Roboter greifen dagegen entweder zu fest zu oder zu locker. Dann zerquetschen sie das Ei, oder das Glas fällt herunter. Sie haben auch Probleme, wenn die zu bewegende Objekte unterschiedlichste Oberflächeneigenschaften haben, zum Beispiel rau, glatt oder nass sind. Kameras allein können das nicht kompensieren. Erst mit Einsatz von speziellen „Fingerspitzensensoren“ ist Greifen unter wechselnden Produktionsanforderungen mit engen Toleranzen möglich geworden, etwa in der Medizin- oder Luft- und Raumfahrttechnik.

Wegen der generativen KI bekommen jetzt Hochqualifizierte verstärkt die Digitalisierung zu spüren.

Welche Berufsgruppen stehen aus Ihrer Sicht tatsächlich stark unter Druck?

Britta Matthes: Vor allem Helfer- und Fachkraftberufe sind betroffen. Hier können viele Tätigkeiten von Robotern, digitalen Technologien und KI ersetzt werden. Spannenderweise betrifft die Entwicklung inzwischen auch Expertenberufe. Wegen der generativen KI bekommen jetzt Hochqualifizierte verstärkt die Digitalisierung zu spüren. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall.

Katharina Grienberger: Auch Fertigungs- und fertigungstechnische Berufe sind stark betroffen. Also Berufe, in denen Anlagen, Güter, Autos produziert werden. Den größten Zuwachs haben allerdings in den letzten Jahren die bis dato nur wenig betroffenen IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufe erfahren. Denn generative KI kann inzwischen selbstständig programmieren. Es gibt eine Reihe von Berufen, in denen – Stand heute – bereits alle Tätigkeiten theoretisch von Robotern oder KI ersetzt werden könnten. Zum Beispiel Buchhalter*innen oder Kassierer*innen. Dennoch bedeutet das nicht, dass diese Berufe verschwinden. Vielmehr verändern sie sich.

Und welche Berufe bleiben stabil?

Katharina Grienberger: Solche mit sozialen Kompetenzen, also soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe. Sie sind derzeit weiterhin schlecht ersetzbar. Dies sind Berufe wie Erzieher, Altenpfleger oder auch Ärzte. Aber selbst bei Berufen, in denen keine oder nur wenige Tätigkeiten von KI oder Computern momentan übernommen werden könnten, ist es gut möglich, dass dort künftig verstärkt Tätigkeiten von Computern oder computergesteuerten Maschinen ausgeführt werden können.

Der Job-Futuromat gibt auch Hinweise, ob es in einem Beruf notwendig ist, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen.

Ist der Job-Futuromat vor allem ein Werkzeug zum individuellen Erkenntnisgewinn oder auch ein interessantes Instrument für Politik und Unternehmen?

Britta Matthes: Der Job-Futuromat richtet sich an verschiedene Zielgruppen: Schüler*innen, Absolvent*innen, Beschäftigte und Arbeitsuchende, aber natürlich auch an Arbeitgeber und Politik. Er informiert nicht nur darüber, wie hoch das Substituierbarkeitspotenzial ist. Er zeigt auch auf, was in diesem Beruf typischerweise zu tun ist, wie groß der Arbeitsmarkt für diesen Beruf ist, wie sich die Beschäftigung, die Arbeitslosen-Stellen-Relation und die Arbeitslosigkeit sowie das Entgelt in den letzten Jahren verändert hat. Unser Tool gibt auch Hinweise, ob es in einem Beruf notwendig ist, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, und welche das konkret sind. Daraus lassen sich Kompetenzen ableiten, die in absehbarer Zeit nicht automatisiert werden können.

Vorhin sind Sie auf die Tätigkeiten der Steuerfachangestellten eingegangen. Die Bundessteuerberaterkammer hat damals kritisiert, dass der Job-Futuromat diesen Beruf zu einem solch hohen Grad als automatisierbar anzeigte. Was lernen Sie aus solchen Kontroversen?

Britta Matthes: Kontroversen wie die Reaktion der Bundessteuerkammer zeigen uns, dass unsere Arbeit wahrgenommen wird und eine ernsthafte Debatte über die Zukunft von Berufen auslöst. Unser Ziel ist es, eine datenbasierte Grundlage für solche Diskussionen über den Einfluss von digitalen Technologien und KI auf Berufe und berufliche Tätigkeiten zu liefern. Ob und wie Technologien dann tatsächlich eingesetzt werden, hängt immer auch von anderen Faktoren ab, etwa von rechtlichen Rahmenbedingungen, aber auch von gesellschaftlichen Entscheidungen. Genau deshalb ist es wichtig, verschiedene Perspektiven – Forschung, Praxis und Berufsverbände – ins Gespräch zu bringen. Insofern verstehen wir solche Kontroversen als einen wichtigen Teil des öffentlichen Diskurses über die Zukunft der Arbeit. Als für die Steuerfachangestellten dann eine neue Ausbildungsordnung erschien, haben wir unsere Einschätzung aktualisiert.

Für uns ist der Jo Bot ein echtes Highlight im neuen IAB-Job-Futuromat.

Das neueste Tool beim Futuromat ist der „Jo Bot“: ein Chatbot, der die Nutzer*innen unterstützen soll. Soll dieser ChatBot künftige Missverständnisse verhindern?

Katharina Grienberger: Für uns ist der Jo Bot ein echtes Highlight im neuen IAB-Job-Futuromat. Ursprünglich war der Futuromat nämlich vor allem für bereits Beschäftigte konzipiert. Er sollte sie darüber informieren, wie digitale Technologien die Anforderungen in ihren Berufen verändern könnten und Hinweise geben, mit welchen Themen man sich beschäftigen sollte und welche Kompetenzen man sich aneignen sollte, um auch weiterhin gute Beschäftigungschancen zu haben.

Mit der Zeit kam aber immer stärkeres Interesse daran auf, den Futuromat auch bei der Berufsorientierung einzusetzen. Allerdings war er noch nicht auf die Bedürfnisse von Jugendlichen zugeschnitten. Man musste schon einiges über Berufe wissen, zum Beispiel, was mit einer Berufsbezeichnung gemeint ist. Auch das Design war eher auf erfahrenere Nutzerinnen und Nutzer abgestellt. Deshalb haben wir den IAB-Job-Futuromat vor ein paar Monaten einem kompletten Relaunch unterzogen. Nun gibt es Jo Bot – den Chatbot, der durch den Dschungel des Job-Futuromaten begleitet.

Welchen Einfluss haben die Angaben im Job-Futuromat Ihrer Einschätzung nach auf die Berufswahl junger Menschen? Sollten junge Menschen Berufe meiden, denen ein sehr hohes Substituierbarkeitspotenzial attestiert wird, oder umgekehrt verstärkt Berufe mit geringem Substituierbarkeitspotenzial wählen?

Katharina Grienberger: Wir würden jungen Leute nicht raten, Berufe mit hohem Substituierbarkeitspotenzial zu meiden. Hohe Substituierbarkeitspotenziale können zwar bedeuten, dass bestimmte Tätigkeiten in den Berufen wegfallen. Selten verschwindet jedoch der komplette Beruf. Oftmals ändern sich die Tätigkeiten in den Berufen. Das heißt, hohe Substituierbarkeitspotenziale bieten auch erhebliche Chancen, wie zum Beispiel gute Entwicklungsmöglichkeiten.

Und selbst wenn ein Beruf heute ein niedriges Substituierbarkeitspotenzial aufweist, heißt das nicht, dass das so bleiben wird. Technologien entwickeln sich weiter und auch hier könnten morgen Tätigkeiten ersetzt werden, von denen wir heute uns noch gar nicht vorstellen können, dass sie ersetzbar sind. Unsere Gesellschaft führt hier die falschen Debatten. Es geht nicht darum, was KI uns wegnehmen könnte, sondern darum, welche neue Chancen und Tätigkeiten dadurch entstehen.

Die Berufswahl ist nur ein erster Schritt, der einen ganzen Möglichkeitsraum eröffnet.

Zum Schluss ganz persönlich:  Was würden Sie heute einem jungen Menschen sagen, der Sie in heutigen Zeiten um einen Rat für seine Berufswahl bittet?

Britta Matthes: Unser Rat an junge Leute ist klar: Wählt einen Beruf, der euren Stärken und Interessen entspricht. Die Berufswahl ist nämlich nur ein erster Schritt, der einen ganzen Möglichkeitsraum eröffnet. Die Vorstellung, dass man mit dem Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums „ausgelernt“ hat, ist nicht mehr zeitgemäß. Nicht nur die Technologien ändern sich, sondern auch die Gesellschaft und damit die Anforderungen an den Umgang mit Technologien und die Art, wie wir miteinander arbeiten. Entscheidend ist, immer offen dafür zu sein, Neues auszuprobieren und sich einzubringen, wenn es darum geht, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie neu zu gestalten.

 

DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260511.01

 

Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de