Trotz des Krieges mit den USA und Israel und derzeit offener Grenzen zu den meisten Nachbarstaaten gibt es keine Anzeichen für eine stärkere Fluchtbewegung von Menschen aus Iran in andere Länder. Sollte es dazu kommen, wäre Deutschland eines der Hauptzielländer. Zugleich legen die bisherigen Erfahrungen hierzulande nahe, dass die Integrationschancen insbesondere weiblicher Geflüchteter aus dem Iran im Schnitt höher sind als bei Geflüchteten aus anderen Ländern.

Die politische, wirtschaftliche und humanitäre Lage in Iran hat sich seit den israelischen Angriffen im Sommer 2025, den gewaltsam niedergeschlagenen regimekritischen Demonstrationen und zuletzt den US-amerikanischen und israelischen Angriffen nochmals massiv verschärft. Bei Redaktionsschluss zum 15. Juni 2026 wurde gerade die Vereinbarung einer 60-tägigen Waffenruhe zwischen den USA und Iran verkündet. Ob diese Waffenruhe von Dauer sein und in ein längerfristiges Ankommen mündet, oder der Konflikt immer wieder aufbricht und womöglich sogar gar eskaliert, kann gegenwärtig noch nicht eingeschätzt werden. Deutschland und Europa können aber, in Abhängigkeit von den künftigen Entwicklungen, neben den geopolitischen und wirtschaftlichen Folgen des Konflikts auch von möglichen Fluchtbewegungen aus Iran betroffen sein. Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden die potenziellen Auswirkungen eines möglichen Anstiegs der Fluchtbewegungen aus Iran nach Deutschland analysiert.

Viele hier lebende Iraner*innen sind aus ihrem Heimatland geflüchtet

Im Folgenden werden zunächst die bisherigen Migrationsabsichten der iranischen Bevölkerung und aktuelle Fluchtbewegungen in der dortigen Region betrachtet, um das Migrationspotenzial besser einschätzen zu können. In einem zweiten Schritt werden die Integration von Iraner*innen, insbesondere von Geflüchteten, in den deutschen Arbeitsmarkt sowie deren Rückkehr- und Bleibeabsichten in Deutschland analysiert.

In einem 2026 von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Onlinebeitrag zu Migrationsbewegungen aus Iran zeigen Vera Hanewinkel und Christina Mecke, dass viele Iraner*innen deswegen in Deutschland leben, weil sie aus ihrem Heimatland geflohen sind. Flucht ist damit neben Bildungs- und Erwerbszwecken sowie dem Motiv der Familienzusammenführung einer der Hauptzuzugsgründe.

Ein besonderer Fokus liegt nachfolgend auf der Situation von weiblichen Geflüchteten aus Iran. Denn Frauen sind in Iran in besonderem Maße in ihren Rechten eingeschränkt und zugleich bei einer Flucht in die EU – ebenso wie bei einer Rückkehr – größeren Herausforderungen und Risiken ausgesetzt als Männer, unter anderem durch die Gefahr sexualisierter und anderer Gewalt. Zugleich haben sie häufiger als diese Betreuungspflichten. Auch ihre finanziellen Ressourcen sind im Schnitt geringer.

Bei der Mehrzahl der iranischen Geflüchteten handelt es sich trotz offener Grenzen um Binnenvertriebene

Schätzungsweise 3,2 Millionen Menschen sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) zuletzt innerhalb Irans vertrieben worden. Die weitere Entwicklung ist ungewiss, zurzeit sind aber keine starken Fluchtbewegungen aus Iran erkennbar. Laut Monitoring der International Organization for Migration von Anfang Juni 2026 sank die Zahl der Grenzübertritte in die Türkei seit Kriegsbeginn bis April von zuvor 5.000 auf 4.200 täglich. Eine Zunahme gab es an der Grenze zu Afghanistan, die seit Anfang März 440.000 Iraner*innen überquert haben. Bewegungen in andere Länder bleiben weiterhin auf einem niedrigeren Niveau.

Das insgesamt niedrige Niveau der Grenzübertritte könnte auch auf die Luftangriffe zurückzuführen sein, da sich die meisten Menschen dann in geschlossenen Räumen sicherer wähnen. Mit Ausnahme der Grenze zu Irak sind die meisten Landesgrenzen für iranische Staatsbürger*innen bislang zumindest teilweise geöffnet. Auch verlangen viele wichtige Nachbarstaaten wie die Türkei und Aserbaidschan keine Visa für die Einreise.

Ein Viertel der Iraner*innen hat zwar vor, das Land zu verlassen, doch sehr viel weniger dürften es kurzfristig tatsächlich tun

Das Gallup-Institut erhebt weltweit die Migrationsabsichten der Bevölkerung („Gallup World Poll“). Laut dieser Befragung äußern 25 Prozent der befragten Iranerinnen und Iraner eine allgemeine Absicht, das Land zu verlassen. Dieser Wert entspricht dem globalen Durchschnitt. Diese allgemeinen Migrationsabsichten werden allerdings zumindest kurzfristig nur zu einem kleinen Teil in die Tat umgesetzt.

So zeigen Frédéric Docquier und Koautor*innen in einer 2014 publizierten Studie, dass immer nur ein kleiner Teil der Personen, die angeben, allgemeine Migrationsabsichten zu haben, tatsächlich kurzfristig auswandert – selbst dann, wenn die institutionellen und materiellen Voraussetzungen gegeben sind. Längerfristig ergibt sich jedoch durchaus eine engere Korrelation zwischen den allgemeinen Migrationsabsichten und den tatsächlichen Wanderungen.

Wie eine aktuelle Auswertung dieser Befragung durch Christan Dustmann und Koautoren zeigt, spielt Deutschland unter denjenigen, die Migrationsabsichten haben, eine herausragende Rolle als Zielland: So nennen 28 Prozent der im Jahr 2024 befragten Iraner*innen Deutschland als ihr (zumindest theoretisch) bevorzugtes Zielland. Im globalen Vergleich (mit Ausnahme Irans) sind es demgegenüber 7 Prozent.

Diese Grafik stellt den Anteil der Iraner beziehungsweise Iranerinnen mit Migrationsabsichten dar, die Deutschland als Zielland präferieren. Datenquelle hierfür ist der Gallup World Poll. Die Grafik besteht aus zwei Teilen: Ein verbundenes Liniendiagramm, das die Migrationsneigung für Männer und Frauen zeigt. Die farblich unterlegten Flächen bilden das 95-Prozent-Konfidenzintervall ab. Für beide Geschlechter ist ein Anstieg von zirka 15 Prozent im Jahr 2008 zu zirka 27 Prozent im Jahr 2024 festzustellen.

Im vergangenen Jahrzehnt ist der Anteil der Iraner*innen mit Migrationsabsichten, die Deutschland als Zielland präferieren, erheblich gestiegen. Zugleich ist der Anteil der iranischen Frauen, der nach Deutschland auswandern will, etwas geringer als der der Männer (siehe Abbildung 1). Mit Ausnahme der Jahre 2008 und 2023 sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede aus statistischer Sicht allerdings nicht signifikant.

Auffällig ist, dass im Jahr 2023, als Frauenproteste besonders gewaltsam unterdrückt wurden, der Anteil Deutschlands als bevorzugtes Zielland unter den auswanderungsbereiten Männern stark gestiegen ist, während er unter den Frauen zurückging. Unter bestimmten Voraussetzungen scheinen Frauen also eher geneigt als Männer, ihre Migrations- oder Fluchtabsichten gerade in weiter entfernte Länder wie Deutschland zurückzustellen. Hier dürften geschlechtsspezifische Unterschiede wie restriktivere Ausreisegesetze, höhere Risiken im Falle von Fluchtmigration, aber auch Betreuungspflichten eine Rolle spielen.

Unabhängig vom aktuellen Irankrieg ist die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit iranischer Staatsangehörigkeit in den vergangenen 15 Jahren deutlich gestiegen (siehe Abbildung 2). Auch hier sind Frauen mit einem Anteil von zuletzt 46 Prozent unterrepräsentiert. Die Unterschiede sind zwar deutlich geringer als bei anderen außereuropäischen Asylherkunftsländern, aber die Differenzen sprechen dafür, dass die realen Migrationsmöglichkeiten für Frauen zumindest etwas schlechter sind als für Männer.

Diese Grafik stellt die Anzahl der Iranerinnen und Iraner in Deutschland zwischen 1998 und 2025 dar. Datengrundlage ist das Ausländerzentralregister. Von 70.000 Männern und fast 50.000 Frauen im Jahr 1998 erhöhte sich die Anzahl, trotz zwischenzeitlichem Abwärtstrend, bis zum Jahr 2025. Für dieses Jahr wurden zirka 87.000 Männer und 75.000 Frauen registriert.

Geflüchtete aus Iran erreichen vergleichsweise hohe Beschäftigungsquoten

Die Auswirkungen eines möglichen Anstiegs der Fluchtmigration aus Iran nach Deutschland für den Arbeitsmarkt und die sozialen Sicherungssysteme hängen nicht nur vom Umfang der Fluchtmigration, sondern auch von der sozioökonomischen Zusammensetzung der Geflüchteten und ihrer Arbeitsmarktintegration ab. Dabei lassen sich Rückschlüsse aus der vergangenen Entwicklung ziehen, auch wenn sich die künftige Fluchtmigration aus Iran möglicherweise in ihrer sozialen und ökonomischen Zusammensetzung von derjenigen in der Vergangenheit unterscheidet.

Die Beschäftigungsquote der iranischen Staatsangehörigen belief sich im Januar 2026 nach Angaben der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf 64 Prozent. Zum Vergleich: Im Bevölkerungsdurchschnitt beläuft sich diese auf 69 Prozent, im Durchschnitt der ausländischen Bevölkerung auf 57 Prozent und bei Staatsangehörigen aus den acht nichteuropäischen Hauptasylherkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien auf 50 Prozent (lesen Sie dazu auch den IW-Kurzbericht 19/2026 von Wido Geis-Thöne zur Arbeitsmarktintegration von Iraner*innen in Deutschland).

Zugleich ist das Geschlechtergefälle geringer als bei anderen Migrantengruppen: Die Beschäftigungsquote iranischer Frauen in Deutschland lag im September 2025 mit 59 Prozent um 8 Prozentpunkte unter derjenigen der iranischen Männer. Im Durchschnitt aller ausländischen Staatsangehörigen sind es hingegen 11 Prozentpunkte.

Die Beschäftigungsstatistik der BA unterscheidet nur nach Staatsangehörigkeit, nicht nach Fluchtstatus. Zudem fehlen dort Angaben zur Aufenthaltsdauer. Eine Auswertung der IAB-BAMF-SOEP Befragung Geflüchteter, verknüpft mit den Integrierten Erwerbsbiografien (IEB) des IAB, erlaubt jedoch genauere Analysen für die seit 2013 zugezogenen Geflüchteten aus Iran und den acht anderen Hauptasylherkunftsländern.

Demnach waren im Jahr 2024 40 Prozent der geflüchteten iranischen Frauen fünf Jahre nach ihrem Zuzug in Beschäftigung (gegenüber 16 % der aus anderen Ländern geflüchteten Frauen). Bei den geflüchteten iranischen Männern waren es 62 Prozent – 5 Prozentpunkte mehr als bei geflüchteten Männern aus anderen Herkunftsländern. Acht Jahre nach dem Zuzug waren 43 Prozent der geflüchteten iranischen Frauen (versus 24 % aller geflüchteten Frauen) und 63 Prozent der iranischen Männer (versus 66 % aller geflüchteten Männer) beschäftigt (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1 stellt für Frauen und Männer separat erwerbsbezogene Merkmale Geflüchteter aus Iran denen aus anderen Ländern gegenüber. Datenbasis sind die Integrierten Erwerbsbiografien des IAB 2024 von Befragten der IAB-BAMF-SOEP Befragung Geflüchteter, die einer Verlinkung mit den Registerdaten der Bundesagentur für Arbeit zugestimmt haben. Es zeigt sich, dass die Geflüchteten aus Iran häufiger als Geflüchtete aus anderen Ländern qualifizierte Beschäftigungen in Vollzeit ausüben, insbesondere die Frauen, und in den ersten fünf Jahren höhere Beschäftigungsquoten haben. Für Frauen gilt dies auch für die ersten acht Jahre nach dem Zuzug.

Bei der Tätigkeitsstruktur zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede je nach Geschlecht und Herkunft der Geflüchteten: 57 Prozent der beschäftigten Frauen und 67 Prozent der beschäftigten Männer aus Iran waren qualifiziert beschäftigt, gegenüber 46 und 54 Prozent der Frauen und Männer aus anderen außereuropäischen Asylherkunftsländern. 10 Prozent der beschäftigten iranischen Geflüchteten waren auf Spezialisten- und Expertenniveau tätig, also in akademischen oder hochqualifizierten technischen Berufen, im Vergleich zu 7 bis 8 Prozent bei den anderen außereuropäischen Geflüchteten (siehe Tabelle 1).

Auch bei den Tätigkeitsinhalten zeigen sich deutliche Unterschiede, besondere bei Frauen: Iranische Frauen üben mit 33 Prozent häufiger interaktive Nichtroutinetätigkeiten aus (zum Beispiel koordinieren oder unterrichten) als Frauen aus anderen Ländern (21 %) und seltener manuelle Routinetätigkeiten wie das Bedienen oder Ausstatten von Maschinen (2 % versus 6 %). Bei iranischen Männern ist dagegen der Anteil kognitiver Routinetätigkeiten (zum Beispiel Buchhaltung oder Datenbearbeitung) mit 21 Prozent höher als bei Männern aus anderen Ländern mit 16 Prozent (siehe Tabelle 1).

Iranische geflüchtete Frauen arbeiten – ähnlich wie im Bevölkerungsdurchschnitt – zur Hälfte in Vollzeit und damit 18 Prozentpunkte mehr als andere geflüchtete Frauen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass sie etwas seltener verheiratet und vor allem deutlich häufiger kinderlos sind, als andere weibliche Geflüchtete (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2 stellt für Frauen und Männer separat sozio-demografische Merkmale Geflüchteter aus Iran denen aus anderen Ländern gegenüber. Datenbasis ist die IAB-BAMF-SOEP Befragung Geflüchteter 2024. Geflüchtete aus Iran sind etwas seltener verheiratet und, insbesondere die Frauen leben deutlich seltener mit Kindern unter 16 Jahren im Haushalt. Das Bildungsniveau unter den Geflüchteten aus dem Iran ist durchschnittlich höher, insbesondere die Frauen verfügen häufiger über Hochschulabschlüsse. Die Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt unterscheidet sich kaum zwischen den vier Gruppen und liegt nur für Männer aus Iran mit 6 auf einer Skala von 0 bis 10 etwas niedriger als bei den anderen drei Gruppen mit Werten von durchschnittlich 7.

Auch die Bildungsstruktur unterscheidet sich: 27 Prozent der iranischen geflüchteten Frauen und 26 Prozent der Männer verfügen über einen Hochschulabschluss – gegenüber 9 und 19 Prozent der anderen geflüchteten Frauen und Männer (siehe Tabelle 2). Noch größer sind die Unterschiede unter sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland: Laut Migrationsmonitoring der BA von September 2025 lag der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit akademischen Abschlüssen unter iranischen Staatsangehörigen bei 43 Prozent. Der Anteil ist damit (mehr als) doppelt so hoch wie unter allen ausländischen Staatsangehörigen (19 %) und unter Deutschen (22 %).

Trotz hoher Zufriedenheit ist der Anteil der Iraner*innen, die Deutschland wieder verlassen möchten, höher als bei anderen Migrantengruppen

Die Geflüchteten aus Iran sind nach eigenen Angaben – ähnlich wie die Geflüchteten aus den anderen Hauptasylherkunftsländern – relativ zufrieden mit ihrem Leben in Deutschland. Sie unterscheiden sich dabei nur wenig von Personen ohne Migrationshintergrund. Nach den Daten des „International Mobility Panel of Migrants in Germany“ (IMPa) wollen dennoch nur 49 Prozent der Iraner*innen dauerhaft in Deutschland bleiben. 15 Prozent wollen nur vorübergehend bleiben, 36 Prozent sind noch unentschlossen. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller Migrant*innen wollen 57 Prozent dauerhaft in Deutschland bleiben. Nur 12 Prozent wollen lediglich vorübergehend bleiben, 30 Prozent sind noch unentschieden. Zu diesen Ergebnissen kommen Yuliya Kosyakova und andere im IAB-Forschungsbericht 15/2025.

Von den in Deutschland lebenden iranischen Befragten geben 38 Prozent (im Durchschnitt aller Migrant*innen: 26 %) an, in den letzten zwölf Monaten an, über eine Auswanderung nachgedacht zu haben, 5 Prozent (versus 3 % aller Migrant*innen) haben konkrete Auswanderungspläne.  Lediglich ein Prozent derer, die konkrete Auswanderungspläne haben, möchte in den Iran zurückkehren, die restlichen 99 Prozent wollen in ein anderes Land weiterziehen. Zudem fällt auf, dass Männer deutlich häufiger konkrete Auswanderungspläne haben als Frauen (7 % versus 3%). Als mögliche Weiterwanderungsziele werden besonders häufig Dänemark (34 %), die Schweiz (28 %), andere europäische Länder (21 %) und die USA (12 %) genannt.

Diese Daten wurden von Dezember 2024 bis April 2025 erhoben, so dass sich daraus keine Schlussfolgerungen ziehen lassen, wie stark sich die Rückkehrwahrscheinlichkeit durch die jüngsten Ereignisse verändert hat. Allerdings spricht sehr viel dafür, dass nur extrem wenige in ihr Heimatland zurückkehren werden, solange der Irankrieg jederzeit wieder aufflammen kann – zumal sich die wirtschaftliche Situation und die Repression durch das Regime seither noch verschärft haben.

Fazit

Größere Fluchtbewegungen aus Iran sind derzeit zwar nicht zu beobachten, lassen sich aber auch nicht ausschließen. Deutschland wird laut der oben erwähnten Gallup-Befragung als ein zentrales Zielland von denjenigen betrachtet, die eine Flucht oder andere Form der Migration in Erwägung ziehen. Derzeit sind unterschiedliche Szenarien für die weitere Entwicklung denkbar: Durch die Einigung zwischen USA und Iran auf ein Rahmenabkommen könnte es zu einer dauerhaften Waffenruhe, einer erneuten Erstarkung des Mullah-Regimes und verstärkter Verfolgung oppositioneller Bevölkerungsteile kommen. Dies könnte mittelfristig auch zu einem Anstieg der Fluchtmigration führen, insbesondere wenn weite Teile der Bevölkerung eine Veränderung ihrer Lebensbedingungen in Iran als aussichtslos einschätzen. Die jüngeren Erfahrungen zeigen jedoch, dass die gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen zur Jahreswende 2025/2026 keine größeren Fluchtbewegungen ausgelöst hat.

Zweitens könnten die USA und Israel ihre Angriffe auf Iran nach dem etwaigen Scheitern weiterer Verhandlungen wieder aufnehmen, wodurch sich neben den unmittelbaren Folgen der Kriegshandlungen auch die wirtschaftliche Lage und Versorgung der Bevölkerung weiter verschlechtern dürfte. Das könnte, muss aber nicht zu einer Zunahme von Fluchtbewegungen führen, wie die jüngeren Erfahrungen ebenfalls zeigen.

Drittens könnte sich das Regime in Iran – unabhängig von den Kampfhandlungen – als nicht widerstandsfähig erweisen – mit der Folge eines politischen Umsturzes. Welche Auswirkungen das auf das Migrationsgeschehen hätte, ist offen. Auf der einen Seite würden die Rückkehranreize für die iranische Diaspora weltweit und in Deutschland gestärkt, auf der anderen Seite würden bei einem Ende der Sanktionen auch Reisen ins Ausland und damit die Migration in andere Länder erleichtert.

Wie realistisch diese drei Szenarien jeweils sind, bleibt offen. Die Entwicklungen etwa in Irak, Syrien und Afghanistan zeigen, dass die Zerstörung bestehender Gewaltregime nicht zwangsläufig zu nachhaltiger Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlicher Prosperität führt, sondern im schlimmsten Fall auch langanhaltende Bürgerkriege auslösen kann.

Sollte es zu einer größeren Fluchtbewegung aus Iran nach Deutschland kommen, sprechen die bisherigen Erfahrungen mit iranischen Geflüchteten dafür, dass die Integrationsperspektiven der Betroffenen tendenziell günstiger ausfallen dürften als bei anderen Geflüchteten: Die Beschäftigungsquoten von Iraner*innen in Deutschland haben sich in der Vergangenheit weitgehend dem Bevölkerungsdurchschnitt angenähert und liegen über denen anderer Migrant*innen, insbesondere denen aus anderen Asylherkunftsländern. Häufiger als andere Geflüchtete verfügen iranische Geflüchtete über Hochschulabschlüsse und üben höherqualifizierte Tätigkeiten aus. Besonders hoch sind die Unterschiede bei Frauen.

Die Migrationsneigung der iranischen Frauen und ihr Bevölkerungsanteil in Deutschland sind etwas geringer als bei den Männern, aber sehr viel höher als unter der Bevölkerung aus den anderen außereuropäischen Asylherkunftsländern. Dies könnte auf eine andere sozioökonomische Struktur der iranischen Bevölkerung mit einem hohen Bildungsniveau auch unter den Frauen, aber auch den hohen Grad der Menschenrechtsverletzungen unter der weiblichen Bevölkerung im Iran zurückzuführen sein.

In der Vergangenheit waren Deutschland und andere EU-Staaten oft nur schlecht auf eine hohe Zahl an Geflüchteten vorbereitet, zumal Entwicklungen wie etwa in Syrien oder Afghanistan durch die Politik nur bedingt vorherzusehen und in ihren konkreten Folgen für Deutschland teils nur schwer abzuschätzen waren. Auch im Falle Irans ist die weitere Entwicklung schwer prognostizierbar. Dennoch wären vorbereitende Maßnahmen für den Fall sinnvoll, falls sich der Krieg und die politische, wirtschaftliche und humanitäre Krise ausweiten.

Durch humanitäre Aufnahmeprogramme könnten in Kooperation mit anderen EU-Mitgliedsstaaten und außereuropäischen Anrainerstaaten geordnete Fluchtwege geschaffen werden. Dies hätte gegenüber der ungesteuerten Fluchtmigration den Vorteil, dass besonders vulnerable Gruppen wie Frauen und Kinder größere Chancen hätten, sichere Zielländer zu erreichen. Zugleich könnten die Zielländer von einer besseren Vorbereitung sowie einer faireren Verteilung der Belastungen profitieren.

 

In aller Kürze

  • Bisher zeichnen sich trotz offener Grenzübergänge keine größeren Fluchtbewegungen aus Iran ab.
  • Vor Kriegsbeginn entsprach die Migrationsneigung von Iraner*innen dem globalen Durchschnitt, wobei sie unter iranischen Männern gegenüber Frauen etwas stärker ausgeprägt ist.
  • Deutschland wird von 28 Prozent der Iraner*innen mit Migrationsabsichten als Zielland der ersten Wahl genannt. Das liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt.
  • Häufiger als andere Geflüchtete verfügen Geflüchtete aus Iran über Hochschulabschlüsse und üben qualifizierte Tätigkeiten aus. Bei Frauen sind diese Unterschiede gegenüber Geflüchteten aus anderen Ländern besonders ausgeprägt.
  • Iranische Staatsangehörige wollen nach eigenen Angaben seltener dauerhaft in Deutschland bleiben als andere Migrationsgruppen. 5 Prozent der iranischen Befragten geben an, konkrete Auswanderungspläne zu haben. Jedoch möchte hiervon lediglich ein Prozent zurück in den Iran. 99 Prozent hingegen streben an, in ein anderes Land weiterzuwandern. Männer geben deutlich häufiger konkrete Auswanderungspläne an als Frauen.

 

Literatur

Dengler, Katharina; Matthes, Britta; Paulus, Wiebke (2014): Berufliche Tasks auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Eine alternative Messung auf Basis einer Expertendatenbank. FDZ-Methodenreport Nr. 12.

Docquier, Frédéric, Peri, Giovanni, & Ilse Ruyssen (2014): The Cross-country Determinants of Potential and Actual Migration. International Migration Review, 48(S1), S. S37–S99.

Dustmann, Christian, Frattini, Tommaso & Camilla Piovesan (2026): Migration Aspirations, Diaspora Networks and Refugee Destinations from Iran and Lebanon. CReAM Report Nr 2.

Geis-Thöne, Wido (2026): Iranerinnen und Iraner sind gut am deutschen Arbeitsmarkt integriert. IW-Kurzbericht Nr. 19.

Hanewinkel, Vera; Mecke, Christina (2026): Die iranische Diaspora in Deutschland und der Welt. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

International Organization for Migration (IOM) (2026): Escalation in the Middle East and Beyond — Mobility Report. 03–08 June 2026.

Kosyakova, Yuliya; Olbrich, Lukas; Gallegos Torres, Katia; Hammer, Luisa; Koch, Theresa; Wagner, Simon (2025): Deutschland als Zwischenstation? Rückkehr- und Weiterwanderungsabsichten von Eingewanderten im Lichte neuer Daten des International Mobility Panel of Migrants in Germany (IMPa). IAB-Forschungsbericht Nr. 15 (de).

UNHCR (2026): Middle East Situation – as of 5 May 2026.

 

Bild: Sunshine Seeds / stock.adobe.com

DOI: 10.48720./IAB.FOO.20260619.01

Brücker, Herbert; Fendel, Tanja; Koch, Theresa; Stips, Felix; Vortisch, Andreas (2026): Bisher geringe Migration aus Iran – aber 28 Prozent der Iraner*innen mit Migrationsabsichten präferieren Deutschland als Zielland, In: IAB-Forum 19. Juni 2026, https://iab-forum.de/bisher-geringe-migration-aus-iran-aber-28-prozent-der-iranerinnen-mit-migrationsabsichten-praeferieren-deutschland-als-zielland/, Abrufdatum: 19. June 2026

 

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