24. September 2026 | Gesamtwirtschaft
Die Wirtschaft wächst aber der Arbeitsmarkt schrumpft
Herr Weber, zuletzt hat sich die Konjunktur in Deutschland nach Jahren der Wirtschaftsschwäche wieder etwas stabilisiert – was sind die Gründe dafür?

Prof. Dr. Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB.
Das weltwirtschaftliche Umfeld entwickelt sich trotz der erneut höheren Energiepreise und der weiteren geopolitischen Unsicherheiten relativ robust. Anders als zuletzt hat der deutsche Außenhandel wesentlich zur konjunkturellen Belebung im ersten Halbjahr beigetragen. Die Ausfuhren in die EU haben deutlich zugelegt. Demgegenüber sind die Exporte in die USA und nach China weiter zurückgegangen. Positive Impulse gibt es zudem bei den Investitionen. Diese basieren jedoch ausschließlich auf staatlicher Tätigkeit, gerade im Rüstungsbereich. Die privatwirtschaftlichen Investitionen sinken dagegen weiter.
Wie lautet ihre Prognose für die weitere gesamtwirtschaftliche Entwicklung?
Das Wachstum dürfte sich in der zweiten Jahreshälfte fortsetzen, verlangsamt sich aber zunächst durch die erneut ansteigenden Energiepreise und die Einschränkungen in der Binnenschifffahrt aufgrund des trockenen Sommers. Der deutsche Außenhandel wird im verbleibenden Jahr 2026 und 2027 weiter wachsen. Weiterhin Rückenwind geben der Konjunktur das Sondervermögen für Infrastruktur und die zusätzlichen Ausgaben für äußere Sicherheit. Die Investitionsnachfrage wird sich mit einer zunehmenden Auslastung der Kapazitäten verbessern. Auch der Konsum der privaten Haushalte dürfte sich im weiteren Verlauf langsam beleben. Belastungen bleiben aber weiter bestehen, genauso wie die Erneuerungskrise in der Industrie. Nach unserer Prognose wächst das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2026 um 1,2 Prozent und im kommenden Jahr um 1,0 Prozent.
Die Erwerbstätigkeit reagierte seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2009 robust auf konjunkturelle Schwankungen. Ändert sich dieser Trend?
Angesichts von Arbeitskräfteknappheit versuchen viele Betriebe, ihre Beschäftigten selbst in konjunkturellen Schwächephasen zu halten. Diese Strategie steht aber infrage, wenn Zukunftsperspektiven wie derzeit in vielen Teilen der Industrie unklar sind. Ein Hauptgrund dafür liegt im jahrelangen Wirtschaftsabschwung nach Beginn der Energiekrise und in der Transformationskrise der Industrie. Neben der Konjunktur beeinflussten in der Vergangenheit eine bessere Matching-Effizienz und eine höhere Bereitschaft, Stellen zu schaffen, den Arbeitsmarkt. Diese arbeitsmarktspezifischen Faktoren haben sich ebenfalls abgeschwächt. Der Mismatch zwischen den Qualifikationsniveaus der Arbeitslosen und den Anforderungsniveaus der Stellen hat seit der Corona-Pandemie zugenommen. Die neu gemeldeten Stellen von Unternehmen lagen über Jahre auf einem historischen Tiefstand und haben sich bisher nur wenig erholt.
Welchen Einfluss hat der demografische Wandel auf Entwicklungen am Arbeitsmarkt?
Ein steigendes Arbeitskräfteangebot war in der Vergangenheit einer der Faktoren für den langjährigen Beschäftigungsaufschwung. Mittlerweile sinkt die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland, da sich der demografische Wandel verschärft und die Migration deutlich abgenommen hat – eine weitere Ursache, warum die Erwerbstätigkeit weiter rückläufig ist. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Erwerbstätigkeit weiter fällt, allerdings weniger stark als bisher. Die Alterung der Gesellschaft führt auf der anderen Seite zu einem Bedarf an Arbeitskräften im Gesundheitswesen. Im Gegensatz zum Produzierenden Gewerbe und im Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe wird hier keine Beschäftigung abgebaut. Das bildet auch die heterogene Entwicklung der Wirtschaftsbereiche ab.
Welche Beschäftigungseffekte erwarten Sie von der Mindestlohnerhöhung, die Anfang des kommenden Jahres greift?
Der Mindestlohn war zu Jahresbeginn 2026 um 8,4 Prozent kräftig erhöht worden, Anfang 2027 wird er um weitere 5 Prozent steigen. Können Lohnkosten nicht mehr erwirtschaftet werden, drohen negative Beschäftigungseffekte. Zur Mindestlohneinführung waren diese kaum eingetreten. Die Arbeitskräfteknappheit ist jedoch jetzt nicht mehr so ausgeprägt und es wurde im Laufe der Zeit ein höheres Mindestlohnniveau erreicht. In der Tat sank die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Januar und Februar 2026 stärker als zuvor. Besonders die Beschäftigung in stark vom Mindestlohn betroffenen Branchen hatte sich hier schlechter entwickelt.
Wie entwickelt sich die Arbeitslosigkeit?
Für dieses Jahr erwarten wir einen Anstieg der Zahl der Arbeitslosen um 50.000 und für 2027 um 20.000 Personen. Mit stabiler Konjunktur dürfte der Anstieg zu einem Ende kommen, für eine deutliche Senkung reicht das prognostizierte Wirtschaftswachstum aber nicht aus. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer zeigt für die Arbeitslosigkeit einen leicht negativen Ausblick, auch wenn die Perspektive weniger pessimistisch geworden ist. Außerdem wurden die Zumutbarkeitsregeln geändert: Danach gelten mehr erziehende Leistungsberechtigte als verfügbar und damit als arbeitslos. Auch das wird die Arbeitslosenzahl in den kommenden Monaten beeinflussen.
Die Energiekrise im Zuge des Irankriegs ist im Moment das beherrschende Thema in der Politik. Welche längerfristigen Auswirkungen sind durch die stark gestiegenen Energiepreise für die deutsche Wirtschaft zu befürchten?
Größter Unsicherheitsfaktor in der Prognose ist die weitere Entwicklung der aktuellen geopolitischen Konflikte. Wir gehen für unsere Prognose davon aus, dass sich der Konflikt mit dem Iran weiter hinzieht, dass die Lage aber auch nicht erneut stärker eskalieren wird. Die dadurch erneut ansteigenden Energiepreise beeinflussen das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte negativ. Sollten sich die Energiepreise stärker und dauerhaft erhöhen, würde das der deutschen Wirtschaft spürbar schaden. 10% mehr beim Ölpreis heißt in Deutschland mindestens 0,1% weniger beim BIP. Die Kaufkraft wird durch die hohen Preise gedrückt, das spüren wir jetzt schon. Vor allem entsteht aber auch Unsicherheit, und das belastet die Investitionsbereitschaft.
Sie sprechen immer wieder vom Effekt der Fiskalpakete und staatlichen Investitionen. Was sollte die Politik tun, damit daraus ein nachhaltiger Aufschwung wird?
Ein sich selbst tragender nachhaltiger Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist mit der aktuellen Entwicklung noch nicht angelegt. Dafür sollten die Wirtschaftspolitik und die Verwendung der Fiskalmittel darauf ausgerichtet werden, die Erneuerungskrise mit Investitionen, Innovationen und neuen Geschäftsmodellen zu überwinden. Ebenso sollten arbeitsmarktpolitisch die Weichen auf wirtschaftliche Erneuerung gestellt werden. Angesichts der Umbrüche durch Transformation und KI kommt es darauf an, die Bewegung im Arbeitsmarkt zu erhöhen. Außerdem müssen die Menschen umfassend dabei unterstützt werden, die eigenen Kompetenzen weiter zu entwickeln. Starke berufliche Weiterentwicklung kann strukturelle Probleme überwinden helfen: Sie verbessert die Neuausrichtung in aufstrebende Bereiche, vergrößert die Innovationsfähigkeit und macht Risikoinvestitionen attraktiver.
Weitere Informationen finden Sie im Kurzbericht 17/2026.
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260924.01
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Autoren:
- Johanna Mauer