20. Juli 2026 | Bürgergeld/Grundsicherung für Arbeitsuchende
Grundsicherung: Die wahrgenommenen Erfolgsaussichten nehmen mit zunehmender Dauer der Arbeitsuche ab
Wer aktiv nach Arbeit sucht, erhält in der ein oder anderen Form Signale zu den eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dies können im günstigen Fall Stellenangebote sein, aber auch Einladungen zu Bewerbungsgesprächen oder Einstellungszusagen. Im ungünstigen Fall finden sich keine passenden Stellenangebote oder die Bewerbungen laufen ins Leere. Diese (ausbleibenden) Rückmeldungen können dazu führen, dass die Betroffenen ihr Bewerbungsverhalten anpassen. So könnten negative Erfahrungen dazu führen, dass sie ihre Suchanstrengungen erhöhen oder aber entmutigt werden und ihre Suche abbrechen.
Die bloße Dauer der Arbeitslosigkeit kann die Erfolgschancen von Bewerber*innen beeinflussen
Aber auch die Länge der Arbeitsuche an sich kann die Erfolgschancen von Arbeitsuchenden beeinflussen. So nimmt die Wahrscheinlichkeit, eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, mit der Dauer der Arbeitslosigkeit ab. Dies zeigt eine 2013 erschienene Studie von Kory Kroft und anderen. Eine Annahme dahinter: Arbeitgeber deuten lange Arbeitslosigkeitsdauern nicht selten als Anzeichen für eine geringere Produktivität oder Motivation, denn beispielsweise können bestehende Fähigkeiten und Qualifikationen mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit veralten.
Diese Einschätzung muss nicht zwingend auf alle Bewerber*innen zutreffen, da sie sich während ihrer Arbeitslosigkeit beispielsweise auch weiterbilden können. Dennoch kann diese Annahme dazu führen, dass Menschen, die schon länger arbeitslos sind, allein aus diesem Grund bei Stellenbesetzungen seltener in Betracht gezogen werden. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang auch von Stigmatisierung gesprochen. Diese Problematik betrifft insbesondere Langzeitarbeitslose, wie etwa Gerhard Krug in einem 2020 im IAB-Forum erschienenen Artikel aufzeigt.
Eine 2025 erschienene Studie von Rafael Lalive und anderen zeigt in diesem Zusammenhang, dass die sinkenden Chancen, mit zunehmender Arbeitslosigkeitsdauer einen Job zu finden, überwiegend durch die sogenannte „duration dependence“ erklärt werden können. Das heißt, je länger eine Person bereits arbeitslos ist, desto geringer ist allein aufgrund der Arbeitslosigkeitsdauer die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Arbeitslosigkeit verlassen wird. Dieser negative Zusammenhang kann laut den Autor*innen zum einen dadurch erklärt werden, dass Arbeitsuchende aufgrund von Resignation ihre Bewerbungsaktivitäten reduzieren, zum anderen dadurch, dass Arbeitgeber ihnen seltener Einstellungsangebote machen.
Aufschlussreich sind hier die Ergebnisse einer Befragung von Bürgergeldbeziehenden vom März und April 2025 im Rahmen der IAB-Online-Personenbefragung „Leben und Arbeiten in Deutschland“ (IAB-OPAL). Denn diese zeigen, inwiefern sich die Bewerbungsaktivitäten, die Zahl der Bewerbungsgespräche und die Erwartungen an die Arbeitsuche von Bewerber*innen in Abhängigkeit von deren Arbeitsuchdauer unterscheiden. Daher wurde zwischen zwei Gruppen unterschieden:
- arbeitslose Bürgergeldbeziehende, die bis zu zwölf Monate auf Arbeitsuche waren,
- arbeitslose Bürgergeldbeziehende, die schon länger als zwölf Monate auf Arbeitsuche waren.
Dies bedeutet aber nicht, dass diese Personen genauso lange arbeitslos gewesen sein müssen. Sie können bereits mit der Arbeitsuche begonnen haben, während sie noch in Beschäftigung waren. Die folgende Analyse beschränkt sich auf diejenigen, die nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt der Befragung und in den vier Wochen davor auf Arbeitsuche gewesen sind.
Rund neun von zehn Befragten haben nach eigenen Angaben in den vier Wochen vor der Befragung Bewerbungen versendet
5 Prozent der Befragten mit kürzerer Suchdauer haben sich nach eigenen Angaben in den vier Wochen vor der Befragung nicht beworben. Bei denen mit längerer Suchdauer sind es 13 Prozent. Der Großteil der Befragten in beiden Gruppen hat zwischen einer und zehn Bewerbungen versendet (64 % beziehungsweise 66 %). Der Median der versendeten Bewerbungen liegt bei der Personengruppe mit kürzerer Suchdauer bei 5 Bewerbungen, bei der Personengruppe mit längerer Suchdauer bei 4.
Dies könnte teils auch damit zusammenhängen, dass die befragten Bürgergeldbeziehenden mit hoher Wahrscheinlichkeit Vorgaben der Jobcenter haben, denen zufolge sie sich auf eine bestimmte Mindestzahl an Arbeitsstellen pro Monat bewerben müssen. Andernfalls müssen sie mit Leistungsminderungen rechnen.
Deutlichere Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zeigen sich bei der Zahl der Bewerbungsgespräche (siehe Abbildung 2). 45 Prozent derjenigen, die weniger als ein Jahr auf Arbeitsuche sind, hatten nach eigenen Angaben in den letzten vier Wochen kein Bewerbungsgespräch geführt. Bei den anderen waren es sogar 63 Prozent. Dies zeigt sich auch im Median der Zahl der Bewerbungsgespräche für die beiden Personengruppen: Dieser liegt für Personen mit kürzerer Suchdauer bei 1, für Personen mit längerer Suchdauer bei 0. Etwa die Hälfte der Befragten hatte entsprechend im ersten Jahr in den letzten vier Wochen mindestens ein Bewerbungsgespräch. Bei denjenigen, die schon länger als ein Jahr auf Arbeitsuche sind, war es rund ein Drittel.
Wer schon länger sucht, erwartet meist weniger Einladungen zu Bewerbungsgesprächen
Dementsprechend sind diejenigen, die schon länger auf Arbeitsuche sind, auch weniger zuversichtlich, auf ihre Bewerbungen positive Rückmeldungen zu erhalten. Auf die Frage, wie viele Einladungen sie erwarten würden, wenn sie sich auf zehn weitere Stellenangebote bewerben, rechnet etwa die Hälfte derjenigen mit kürzerer Suchdauer mit mindestens drei Einladungen (siehe Abbildung 3). Der Median für diese Gruppe liegt entsprechend bei 3 erwarteten Einladungen. Unter denjenigen, die länger suchen, beträgt der Median der erwarteten Einladungen 2, und nur gut ein Viertel erwartet drei oder mehr Einladungen. Knapp ein Fünftel aus dieser Gruppe befürchtet sogar, gar keine Einladung zu erhalten. Bei denjenigen, die noch kein Jahr auf Arbeitsuche sind, ist es hingegen nur knapp jede*r Zehnte.
Die wahrgenommene Chance auf eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch verschlechtert sich also mit zunehmender Dauer der Arbeitsuche – auch bei einer vergleichbaren Anzahl an Bewerbungen. Dies kann zu einer Entmutigung der Betroffenen beitragen. Dazu kommt, wie bereits erwähnt, dass auch potenzielle Arbeitgeber es vielfach als negativ bewerten, wenn Bewerber*innen länger arbeitslos waren.
Dabei kann es durchaus triftige Gründe dafür geben, dass die Jobsuche länger dauert. Dazu zählen eine schlechte Passgenauigkeit zwischen der arbeitsuchenden Person und den offenen Stellen ebenso wie individuelle Vermittlungshemmnisse in Form von gesundheitlichen Einschränkungen. Es ist anzunehmen, dass über die Zeit vor allem Personen mit schlechteren Arbeitsmarktchancen arbeitsuchend bleiben.
Die erwartete Dauer der Arbeitsuche fällt bei Personen, die schon länger auf Arbeitsuche sind, deutlich länger aus
In Bezug auf die erwartete Dauer der Arbeitsuche sind die befragten Bürgergeldbeziehenden im ersten Jahr der Arbeitsuche recht zuversichtlich: Etwa die Hälfte von ihnen ist der Ansicht, dass sie innerhalb der nächsten vier Monate eine Arbeitsstelle finden wird. Nur 6 Prozent nehmen an, dass sich die Arbeitsuche länger als zwölf Monate hinziehen wird.
Diejenigen, die bereits über ein Jahr auf Arbeitsuche sind, sind deutlich pessimistischer: Nur etwas mehr als ein Viertel glaubt, die Arbeitsuche innerhalb der nächsten vier Monate beenden zu können. Knapp 30 Prozent rechnen hingegen mit mindestens zwölf weiteren Monaten.
Fazit
Die Ergebnisse aus der IAB-OPAL-Befragung zeigen: Leistungsbeziehende, die schon länger als ein Jahr auf Arbeitsuche sind, haben nach eigenen Angaben deutlich weniger Bewerbungsgespräche als solche mit einer kürzeren Suchdauer. Sie gehen insofern davon aus, dass sich auch die weitere Arbeitsuche noch länger hinziehen wird.
Auch die Anzahl an selbst berichteten Bewerbungen nimmt mit zunehmender Dauer der Arbeitssuche leicht ab. In der Regel sind die Leistungsbeziehenden jedoch dazu verpflichtet, aktiv nach Arbeit zu suchen und sich auf Stellenangebote zu bewerben. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, sind Leistungsminderungen möglich.
Im Rahmen dieser Studie konnte jedoch nicht untersucht werden, ob die Bewerbungen auch in Bezug auf ihre Qualität, beispielsweise hinsichtlich der Passgenauigkeit zwischen Stellenangebot und Qualifikationen, vergleichbar sind. Zudem bleibt die Frage offen, ob die Befragten ihre Erfolgsaussichten realistisch einschätzen.
Antworten auf diese offenen Fragen könnten wichtige Anhaltspunkte dafür liefern, durch welche Maßnahmen Bürgergeldbeziehende gezielt unterstützt werden können, die schon länger auf Arbeitsuche sind.
Daten
Die Auswertungen beruhen auf Daten der IAB-Online-Personenbefragung „Arbeiten und Leben in Deutschland“ (IAB-OPAL) (Coban et al. 2024). Bei IAB-OPAL wird die erwerbsfähige Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 65 Jahren seit Oktober 2023 im Abstand von drei bis vier Monaten zu aktuellen Themen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik befragt.
Die hier verwendeten Informationen stammen aus Welle 6, in welcher 7.220 Personen im März/April 2025 befragt wurden. Im Rahmen dieser Analyse werden nur arbeitslose Bürgergeldbeziehende berücksichtigt, die zuvor angegeben hatten, zum Zeitpunkt der Befragung und in den zurückliegenden vier Wochen auf Arbeitsuche gewesen zu sein. Dies trifft auf 374 Personen zu; davon haben 167 eine Suchdauer von bis zu zwölf, 207 von über zwölf Monaten.
Die hier dargestellten Ergebnisse sind gewichtet, um beispielsweise Unterschiede in der Bereitschaft zur Teilnahme an der Befragung zu berücksichtigen.
In aller Kürze
- Bürgergeldbeziehende, die länger als ein Jahr auf Arbeitsuche sind, haben im Vergleich zu denjenigen, die noch nicht so lange nach einer Arbeit suchen, seltener Bewerbungsgespräche und sind pessimistischer hinsichtlich ihrer Erfolgschancen am Arbeitsmarkt.
- Auch die Zahl der Bewerbungen, die Bürgergeldbeziehende versenden, nimmt mit der Dauer der Arbeitsuche leicht ab.
- Dass die wahrgenommenen Erfolgsaussichten mit der Dauer der Arbeitslosigkeit sinken, kann verschiedene Ursachen haben: Erstens können vorhandene Fähigkeiten und Qualifikationen im Zeitablauf veralten. Zweitens kann auch die längere Suchdauer selbst ein negatives Signal an potenzielle Arbeitgeber sein. Schließlich kann dies auch Resignation bei den Arbeitsuchenden auslösen. Zudem können unterschiedlich starke Vermittlungshemmnisse vorliegen.
Literatur
Coban, Mustafa; Baisch, Benjamin; Distler, Christine; Schwarz, Stefan; Trappmann, Mark; Weik, Jonas Aljoscha; Wenzig, Claudia; Wilden, Hanna; Zins, Stefan (2024): IAB-OPAL: Mit dem neuen Online-Panel schneller zu belastbaren Befunden kommen. In: IAB-Forum, 11.11.2024.
Krug, Gerhard (2020): Weder faul noch resigniert: Wie Langzeitarbeitslose mit dem Stigma der Arbeitslosigkeit umgehen. In: IAB-Forum, 27.5.2020.
Kroft, Kory; Lange, Fabian; Notowidigdo, Matthew J. (2013): Duration Dependence and Labor Market Conditions: Evidence from a Field Experiment. The Quaterly Journal of Economics 128 (3), S. 1123-1167.
Lalive, Rafael; Osikominu, Aderonke; Pesaresi, Lorenzo; Zuchuat, Jeremy; Zweimüller, Josef (2025): Duration Dependence in Finding a Job: Applications, Interviews, and Job Offers. RFBerlin Discussion Paper 15/25, January 2026.
Bild: Pormezz/stock.adobe.com
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260720.01
Schmidtke, Julia (2026): Grundsicherung: Die wahrgenommenen Erfolgsaussichten nehmen mit zunehmender Dauer der Arbeitsuche ab, In: IAB-Forum 20. Juli 2026, https://iab-forum.de/grundsicherung-die-wahrgenommenen-erfolgsaussichten-nehmen-mit-zunehmender-dauer-der-arbeitsuche-ab/, Abrufdatum: 21. July 2026
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Autoren:
- Julia Schmidtke