In vielen OECD-Ländern müssen aufgrund von Handelskonflikten, technologischem Fortschritt und dem weltweiten Wettbewerb um die Technologieführerschaft umfassende Transformationsprozesse bewältigt werden. Der neue OECD-Beschäftigungsausblick untersucht die regionale Dimension der Beschäftigungsentwicklung und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, um präventiv berufliche Veränderungen zu ermöglichen, die Jobverluste vermeiden helfen.

Der neue OECD-Beschäftigungsausblick stand im Mittelpunkt des gemeinsamen Webinars von OECD-Berlin Centre und IAB, das am 8. Juli dieses Jahres im Rahmen des „OECD-Gesellschaftssalons“ stattfand. Vor dem Hintergrund von Handelskonflikten, technologischem Fortschritt und dem weltweitem Rennen um Technologieführerschaft befasst sich die OECD-Studie damit, wie sich regionale Unterschiede in den Beschäftigungschancen aktuell darstellen, auf welche Änderungen sich die Regionen künftig einstellen müssen und wie die Arbeitsmarktpolitik reagieren kann.

Der OECD-Arbeitsmarktexperte Stéphane Carcillo zeigte in seinem einleitenden Vortrag, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland infolge der Abkühlung der Konjunktur gestiegen ist. Insbesondere junge Akademiker*innen sind mit größeren Herausforderungen am Arbeitsmarkt konfrontiert. Gleichwohl ist das Niveau der Arbeitslosigkeit immer noch relativ niedrig.

Carcillo: Der Strukturwandel schafft Gewinner und Verlierer auf der sektoralen und der regionalen Ebene.

Stéphane Carcillo wies darauf hin, dass die Reallöhne sich sehr verhalten entwickelt haben. Zugleich habe der Wohn- und Arbeitsort großen Einfluss auf die Beschäftigung und die Entlohnung, wobei eine gewisse Konvergenz aufgetreten ist, denn die Unterschiede zwischen den Regionen bei der Beschäftigung und Entlohnung sind geringer geworden. Die Arbeitskräftemobilität reiche aber nicht aus, um die Beschäftigungsunterschiede auszugleichen. Zudem schafft der Strukturwandel Gewinner und Verlierer auf der sektoralen und der regionalen Ebene, so der Leiter der Abteilung „Beschäftigung und Einkommen“ bei der OECD. Die Verringerung der Zahl der Beschäftigten erfolgt seiner Einschätzung nach stärker darüber, dass diese aufhören zu arbeiten, als dass sie sich einen anderen Job suchen.

Carcillo plädierte dafür, die Förderung der Arbeitskräftemobilität nicht auf die Reduktion der individuellen Mobilitätskosten zu beschränken. Infrastrukturelle Probleme wie fehlender Wohnraum und unzureichende Kinderbetreuungsangebote sowie die Kompetenzentwicklung von Beschäftigten sollten dabei ebenfalls einbezogen werden. Die Industriepolitik sollte zudem die Förderung neuer Unternehmen und die Technologiediffusion einschließen.

Das Foto zeigt Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Leonie Gebers ist Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Foto: BPA

Die von Carcillo angesprochenen Themen wurden anschließend in einer Expert*innenrunde aus Politik und Praxis vertieft, die von Nicola Brandt, Leiterin des OECD Berlin Centre, moderiert wurde. Das Panel diskutierte, welche Politikmaßnahmen die Beschäftigten bestmöglich auf die Veränderungen vorbereiten und was Regionen voneinander lernen können. Dabei ging es auch um präventive Maßnahmen, die berufliche Veränderung ermöglichen, bevor ein Jobverlust eintritt.

An der Runde beteiligten sich Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Ariane Reinhart, Sprecherin der Allianz der Chancen, Sabine Schultheiß, Geschäftsführerin Operativ der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Baden-Württemberg, und Prof. Wolfgang Dauth, Leiter des Forschungsbereichs „Regionale Arbeitsmärkte“ am IAB.

Leonie Gebers erläuterte die Bedeutung von regionalen Job-to-Job-Netzwerken und beruflicher Weiterbildung in der Transformation. Durch Arbeitsmarktdrehscheiben könne es gelingen, Arbeitgeber in einer Region zusammenzubringen und Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Dies sei auch angesichts zunehmender Fachkräfteengpässe wichtig.

Schultheiß: In Baden-Württemberg sammeln wir seit rund anderthalb Jahren praktische Erfahrungen mit dem Instrument der Arbeitsmarktdrehscheibe.

Sabine Schultheiß verwies auf regionale Erfahrungen: „In Baden-Württemberg sammeln wir seit rund anderthalb Jahren praktische Erfahrungen mit dem Instrument der Arbeitsmarktdrehscheibe. Fast ein Drittel der bundesweiten Arbeitsmarktdrehscheiben wird in Baden-Württemberg umgesetzt. Aktuell sind es bei uns über 30“, berichtete die Geschäftsführerin Operativ der dortigen Regionaldirektion der BA.

„Wenn wir erfahren, dass in einem Unternehmen Entlassungen anstehen, sprechen wir gezielt Unternehmen an, die Beschäftigte suchen. Wir bringen abgebende Unternehmen mit aufnehmenden zusammen und versuchen, für die Beschäftigten Brücken zu bauen, damit sie gar nicht erst arbeitslos werden“, erläuterte Schultheiß. „Unsere Angebote richten sich immer an Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Wir handeln dann, wenn alle einverstanden sind.“

Sie hob hervor, wie bedeutsam Partnerschaften und gemeinsames Handeln sind: „Wir in Baden-Württemberg sind seit Jahren sehr gut vernetzt und arbeiten Hand in Hand mit unseren Partner*innen. Vertrauen und gemeinschaftliches Handeln sind eine wichtige Grundlage für wirkungsvolle präventive Aktivitäten.“

Reinhart: Gesellschaftliche Umbrüche gelingen nur, wenn sie keine Verlierer produzieren.

Das Foto zeigt Professor Wolfgang Dauth, Leiter des Forschungsbereichs „Regionale Arbeitsmärkte“ am IAB.

Prof. Wolfgang Dauth leitet den Forschungsbereich „Regionale Arbeitsmärkte“ am IAB.

„Gesellschaftliche Umbrüche gelingen nur, wenn sie keine Verlierer produzieren. Dafür müssen sich alle verantwortlich fühlen, die es betrifft. Die Allianz der Chancen kann dabei helfen, Arbeitslosigkeit zu vermeiden und stattdessen die Chancen des Wandels zu nutzen – damit unsere Gesellschaft ein guter Ort bleibt“, ergänzte Ariane Reinhart.

Transformationsprozesse finden in Deutschland seit vielen Jahren statt. Sie wurden in den vergangenen 30 Jahren vor allem durch die Automatisierung im Industriesektor ausgelöst, aber auch durch die zunehmende Importkonkurrenz aus China und Osteuropa verursacht, erläuterte Wolfgang Dauth.

Beschäftigte in der Industrie, die dadurch ihren Job verloren haben, ist es in der Regel nicht gelungen, einen ähnlich guten neuen Job zu finden. Oftmals folgte nach einer vorübergehenden Periode der Arbeitslosigkeit der Wechsel in einen weniger gut bezahlten Job im Dienstleistungssektor, so Dauth. Obwohl gleichzeitig zahlreiche neue Jobs durch die gestiegenen Exportchancen entstanden, sei der Wechsel in wachsende Industriebranchen in den meisten Fällen nicht gelungen.

Dauth: Weiterbildung kommt leider oftmals zu spät.

Die Arbeitsmarktdrehscheiben sind für Wolfgang Dauth das richtige Instrument, um die Arbeitsmarktfriktionen zu minimieren und Wechsel in gleichwertige Jobs zu unterstützen. Der IAB-Forscher betonte die Bedeutung der Weiterbildung, die leider oftmals zu spät komme. Auch die Unterstützung von regionaler Mobilität könne von Vorteil sein, da wachsende und schrumpfende Branchen oftmals nicht in derselben Region angesiedelt sind. Allerdings bergen vermehrte Wegzüge die Gefahr, dass Regionen langfristig abgehängt werden und sich die Probleme für die dort verbleibenden Menschen noch verschärfen.

Gebers: Eine gute Berufsausbildung ist nach wie vor die beste Investition in die Zukunft.

Abschließend verwies Leonie Gebers auf die aktuell großen Herausforderungen für die jüngere Generation bei der Stellensuche. Hauptursache seien die wirtschaftlichen Unsicherheiten der Unternehmen. Trotzdem sei eine gute Berufsausbildung nach wie vor die beste Investition in die Zukunft, betonte Gebers. Gerade Absolventinnen und Absolventen einer dualen Berufsausbildung hätten weiterhin sehr gute Chancen, von den Betrieben übernommen zu werden.

 

Weiterführende Informationen zur Veranstaltung

Literatur

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) (2026): OECD Beschäftigungsausblick 2026: Deutschland.

 

Bild: Gorondenkoff/stock.adobe.com

DOI:10.48720/IAB.FOO.20260914.01

Bellmann, Lutz (2026): Regionale Beschäftigungspolitik für eine erfolgreiche industrielle Erneuerung – was wirkt?, In: IAB-Forum 14. September 2026, https://iab-forum.de/regionale-beschaeftigungspolitik-fuer-eine-erfolgreiche-industrielle-erneuerung-was-wirkt/, Abrufdatum: 14. September 2026

 

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