21. September 2026 | Migration und Integration
Der Job-Turbo hat die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten deutlich beschleunigt
Jens Hainmueller , Moritz Marbach , Dominik Hangartner , Niklas Harder , Ehsan Vallizadeh
Die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten zählt seit Jahren zu den zentralen Herausforderungen der Arbeitsmarkt- und Integrationspolitik. Mit dem starken Zuzug ukrainischer Geflüchteter seit 2022 rückte erneut die Frage in den Mittelpunkt, wie sich eine schnelle und zugleich nachhaltige Beschäftigung der Geflüchteten erreichen lässt.
In Deutschland folgte die Integrationspolitik lange überwiegend einer primär qualifikationsadäquaten Strategie: Demnach stehen zunächst Sprachförderung und Qualifizierung im Vordergrund, erst danach die Vermittlung in Arbeit.
Mit dem sogenannten Job-Turbo verfolgten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und die Bundesagentur für Arbeit (BA) ab Ende 2023 einen in Teilen neuen Ansatz. Ziel ist es nunmehr, Geflüchtete nach Abschluss der Integrationskurse schneller in Beschäftigung zu bringen – auch dann, wenn es teilweise noch an formalen Anerkennungen oder besseren Sprachkenntnissen fehlt. Weitere Qualifizierungsschritte sollen anschließend möglichst beschäftigungsbegleitend erfolgen.
Eine Evaluation auf Basis der Statistikdaten der BA zeigt nun, dass dieser Ansatz die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt beschleunigt hat. Besonders deutlich fällt der positive Effekt bei ukrainischen Geflüchteten aus. Aber auch bei Geflüchteten aus anderen wichtigen Herkunftsländern zeigen sich deutlich häufigere Übergänge in Beschäftigung.
Die Studie basiert auf Daten für den Zeitraum von Oktober 2022 bis August 2025
Eine wichtige Neuerung des Job-Turbos war die deutlich intensivere Betreuung durch die Jobcenter. Seit Januar 2024 werden Geflüchtete bereits kurz vor Ende oder unmittelbar nach Abschluss des Integrationskurses engmaschiger beraten und schneller in Beschäftigung vermittelt. Dafür sieht der Job-Turbo regelmäßige Beratungen im Abstand von etwa sechs Wochen vor.
Die hier präsentierte Untersuchung bezieht sich auf den Zeitraum von Oktober 2022 bis August 2025. Deren Ergebnisse haben die Autoren dieses Beitrags jüngst in der Fachzeitschrift „Proceedings of National Academy of Sciences (PNAS)“ veröffentlicht. Die Studie basiert auf monatlich erhobenen Längsschnittdaten der Jobcenter. Dabei wurden die Entwicklungen bei ukrainischen Geflüchteten und Geflüchteten aus acht weiteren wichtigen Herkunftsländern (Afghanistan, Eritrea, Iran, Irak, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) mit einer Kontrollgruppe von anderen arbeitslosen Migrantinnen und Migranten verglichen, die bislang nicht Zielgruppe des Job-Turbo sind.
Methodisch basiert die Analyse auf dem sogenannten Difference-in-Differences-Ansatz mit interaktiven Fixed-Effects. Damit lässt sich die Entwicklung der Arbeitsmarktintegration der vom Job-Turbo betroffenen Gruppen nach Einführung des Programms systematisch mit der entsprechenden Entwicklung der genannten Kontrollgruppe vergleichen.
Die Beratungsintensität ist deutlich gestiegen
Die Ergebnisse zeigen zunächst einen starken Anstieg der Beratungsintensität. Im September 2023, also im Monat vor dem Start des Job-Turbos, lag die Kontaktquote zwischen Jobcentern und ukrainischen Geflüchteten im Schnitt bei 27,8 Prozent. Mit anderen Worten: In diesem Monat hatten 27,8 Prozent der durch das Jobcenter betreuten ukrainischen Geflüchteten mindestens einen Beratungstermin beim Jobcenter.
In den 23 Monaten nach dem Start des Job-Turbos erhöhte sich die Kontaktquote im Schnitt um rund 15 Prozentpunkte. Damit lag die Zahl der Kontakte um rund 54 Prozent höher als vor Beginn des Job-Turbos (siehe Abbildung). Positive Effekte zeigen sich dabei in allen Arbeitsmarktregionen. Auch bei anderen Geflüchtetengruppen nahm die Beratungsintensität deutlich zu, wenn auch weniger stark. Hier stieg die monatliche Kontaktquote von 29,3 auf im Schnitt 31,7 Prozent. Dies entspricht einer Steigerung um gut 8 Prozent. Demnach führte der Job-Turbo wie beabsichtigt zu einer intensiveren Betreuung von Geflüchteten durch die Jobcenter – wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß mit Blick auf die beiden Gruppen von Geflüchteten.
Auffällig ist zudem die zeitliche Dynamik: Die Kontaktquoten stiegen bereits kurz nach Start des Job-Turbos deutlich an und blieben anschließend über den gesamten Beobachtungszeitraum bis August 2025 erhöht. Das gilt insbesondere für die ukrainischen Geflüchteten. Dies spricht dafür, dass der Job-Turbo nicht nur kurzfristige Aktivierungseffekte erzeugt, sondern die Vermittlungsprozesse nachhaltig verändert hat.
Die Übergänge in Beschäftigung haben stark zugenommen
Besonders deutlich sind die Effekte auf die Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung. Die monatliche Übergangsrate erhöhte sich bei ukrainischen Geflüchteten gegenüber dem geschätzten kontrafaktischen Verlauf um 1,8 Prozentpunkte. Ausgehend von 1,6 Prozent vor Programmbeginn entspricht dies einem relativen Anstieg um 113 Prozent auf im Schnitt 3,4 Prozent. Für die 300 untersuchten Jobcenter ergeben sich aus dem Job-Turbo demnach circa 58.000 zusätzliche Beschäftigungsaufnahmen von ukrainischen Geflüchteten innerhalb des Untersuchungszeitraums von 23 Monaten.
Auch bei anderen Geflüchtetengruppen zeigen sich positive Effekte: Dort erhöhte sich die monatliche Übergangsrate von 3,7 auf im Schnitt 4,7 Prozent. Die Zahl der Übergänge stieg in dieser Gruppe um rund 28 Prozent. Dies entspricht rund 43.500 zusätzlichen Beschäftigungsaufnahmen.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die intensivere Beratung und Vermittlung einen wesentlichen Beitrag zur schnelleren Arbeitsmarktintegration geleistet haben. Dabei stiegen zunächst die Beratungskontakte und erst anschließend die Übergänge in Beschäftigung. Dies spricht gegen kurzfristige Zufallseffekte und für eine tatsächliche Wirkung des Job-Turbos.
Die Effekte des Job-Turbos zeigten sich bei ukrainischen Geflüchteten deutlich stärker als bei Geflüchteten aus anderen Ländern
Die positiven Effekte des Job-Turbos zeigen sich bei ukrainischen Geflüchteten über nahezu alle Altersgruppen hinweg und für Frauen und Männer gleichermaßen. Besonders stark waren die Effekte bei Personen im mittleren Erwerbsalter.
Dass auch Frauen jüngeren und mittleren Alters deutlich profitierten, ist insofern bemerkenswert, weil die Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter aufgrund des hohen Anteils alleinstehender Mütter als besonders herausfordernd gilt. Die Gründe dafür haben Yuliya Kosyakova und andere im IAB-Kurzbericht 14/2023 herausgearbeitet. Demnach hatte die Kombination aus hohen Betreuungsanforderungen für die Kinder, fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten und sprachlichen Hürden zunächst dazu geführt, dass nur wenige alleinerziehende ukrainische Frauen eine Beschäftigung aufnahmen.
Bei Geflüchteten aus den acht weiteren Herkunftsländern konzentrierten sich die positiven Beschäftigungseffekte stärker auf Männer, insbesondere auf jüngere Männer. Für Frauen waren die Effekte dagegen deutlich geringer und in mehreren Altersgruppen statistisch nicht von null zu unterscheiden. Mit den vorliegenden Daten konnte nicht genauer untersucht werden, was diese Unterschiede erklärt. Es gibt eine Vielzahl von möglichen Erklärungen.
Maye Ehab und andere zeigen im IAB-Kurzbericht 14/2024 beispielsweise, dass geflüchtete Frauen wesentlich häufiger als geflüchtete Männer in Haushalten mit Kindern leben und daher Betreuungspflichten haben. Gleichzeig weisen Frauen ohne Partner und Kinder eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit auf, erwerbstätig zu sein oder aktiv nach Arbeit zu suchen, als Frauen, die mit Partner und Kindern zusammenleben.
Neben solchen Familienkonstellationen können Unterschiede in den bisherigen Erwerbsbiografien, bei der Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen sowie beim Zugang zu Sprachkursen und Beratungsangeboten eine Rolle spielen. Auch eine mögliche Diskriminierung am Arbeitsmarkt und in der Arbeitsvermittlung sind denkbare Gründe.
Vor allem die Zahl der regulären Beschäftigungsverhältnisse hat deutlich zugenommen
Zudem, so ein weiterer wichtiger Befund, führte der Job-Turbo überwiegend zu einem Zuwachs regulärer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Übergänge in Minijobs spielten dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
Bei ukrainischen Geflüchteten stieg der Übergang sowohl in Helfertätigkeiten als auch in qualifizierte Tätigkeiten deutlich an. Selbst Übergänge in hochqualifizierte Beschäftigung, also Tätigkeiten auf Spezialisten- und Expertenniveau, nahmen zu – wenn auch von einem niedrigerem Ausgangsniveau aus. Bei anderen Geflüchteten konzentrierten sich die zusätzlichen Beschäftigungsaufnahmen dagegen stärker auf Helfertätigkeiten.
Die Qualität der aufgenommenen Beschäftigungsverhältnisse hat sich zumindest für ukrainische Geflüchtete verbessert
Die Ergebnisse sprechen zudem dafür, dass die zusätzlichen Beschäftigungsaufnahmen nicht nur kurzfristiger Natur waren. Der Anteil der Beschäftigungsaufnahmen, die zu einer durchgehenden Beschäftigung von mindestens zwölf Monaten führten, stieg insbesondere bei ukrainischen Geflüchteten deutlich an. Es finden sich also keine Hinweise darauf, dass die Jobcenter vor allem kurzfristige oder instabile Beschäftigungsverhältnisse vermittelt hätten.
Vielmehr deuten die Befunde darauf hin, dass die Qualität der Vermittlungen zumindest für ukrainische Geflüchtete im Vergleich zum Ausgangsniveau eher zugenommen hat. Für andere Geflüchtetengruppen fallen die Effekte auf Übergänge in eine stabile Beschäftigung etwas schwächer aus.
Hinweise auf Verdrängungseffekte finden sich nicht
Arbeitsmarktpolitisch besonders relevant ist ein weiterer Befund: Es finden sich keine Hinweise darauf, dass die intensivere Förderung von Geflüchteten zulasten anderer Arbeitsloser ging. Weder für deutsche Arbeitslose noch für andere Migrantinnen und Migranten zeigen sich negative Effekte des Job-Turbos auf Beratungsintensität oder Beschäftigungsübergänge. Auch in Jobcentern mit besonders hohen Anteilen von Geflüchteten lassen sich keine systematischen Verdrängungseffekte nachweisen.
Die Befunde liefern im Kontext des Job-Turbo daher keine empirischen Hinweise darauf, dass die stärkere Förderung einer Gruppe zulasten anderer Arbeitsloser ging. Diese Aussage ist jedoch auf Kontaktraten und Beschäftigungsübergänge begrenzt.
Frühe Arbeitsmarktintegration kann erhebliche Potenziale erschließen
Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für die Ausgestaltung zukünftiger Integrationspolitik. Sie sprechen dafür, dass eine frühere und stärker arbeitsmarktnahe Integration von Geflüchteten erhebliche Beschäftigungspotenziale erschließen kann.
Zugleich lassen die Befunde weitere Fragen offen. Das Beobachtungsfenster umfasst 23 Monate nach Programmbeginn. Insoweit bleibt offen, wie sich frühe Beschäftigungsaufnahmen gerade bei gut qualifizierten ukrainischen Geflüchteten langfristig auf qualifikationsadäquate Integration, berufliche Positionierung, Einkommensentwicklung oder die Anerkennung ausländischer Qualifikationen auswirken.
Insbesondere die stärkere Vermittlung in Helfertätigkeiten bei Geflüchteten aus den acht weiteren wichtigen Herkunftsländern könnte zu einer langfristigen Verfestigung von prekärer Beschäftigung führen. Frühere Studien verweisen jedoch darauf, dass lange Wartezeiten, etwa aufgrund langwieriger Asylverfahren, ebenfalls erhebliche Nachteile für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten mit sich bringen können (siehe die Studie von Jens Hainmueller und anderen aus dem Jahr 2016).
Insgesamt sprechen die Ergebnisse für eine Verbindung von grundlegender Sprachförderung, intensiver Beratung durch Jobcenter und möglichst frühem Arbeitsmarkteintritt. Welche Kombination langfristig die besten und möglichst qualifikationsadäquaten Ergebnisse erzielt, sollte Gegenstand weiterer Forschung sein.
Literatur
Hainmueller, Jens; Marbach, Moritz; Hangartner, Dominik; Harder, Niklas; Vallizadeh, Ehsan (2026): Refugee labor market integration at scale: Evidence from Germany’s fast-track employment program. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123(14). DOI: 10.1073/pnas.2513863123
Hainmueller, Jens; Hangartner, Dominik; Lawrence, Duncan (2016): When lives are put on hold: Lengthy asylum processes decrease employment among refugees. Science Advances, 2(8), p. e1600432. DOI: 10.1126/sciadv.1600432
Kosyakova, Yuliya; Brücker, Herbert; Gatskova, Kseniia; Schwanhäuser, Silvia(2023): Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter: Erwerbstätigkeit steigt ein Jahr nach dem Zuzug. IAB-Kurzbericht Nr. 14. DOI:10.48720/IAB.KB.2314
Ehab, May; Goßner, Laura; Kosyakova, Yuliya; Schreyer, Franziska (2024): Geflüchtete Frauen in unterschiedlichen Haushaltskonstellationen: Frauen ohne Partner und ohne Kinder nehmen am häufigsten am Erwerbssystem teil. IAB-Kurzbericht Nr. 14. DOI:10.48720/IAB.KB.2414
In aller Kürze
- Der Ende 2023 eingeführte Job-Turbo setzt auf eine intensivere Betreuung von Geflüchteten durch die Jobcenter und soll den Übergang in Beschäftigung beschleunigen.
- Die Kontaktquote zwischen Jobcentern und ukrainischen Geflüchteten stieg nach Einführung des Job-Turbos um rund 54 Prozent. Auch bei anderen Geflüchtetengruppen nahm die Beratungsintensität zu und erhöhte sich um circa 8 Prozent.
- Die monatliche Übergangsrate aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung erhöhte sich bei ukrainischen Geflüchteten um 113 Prozent. Für die untersuchten 300 Jobcenter entspricht dies rund 58.000 zusätzlichen Beschäftigungsaufnahmen innerhalb von 23 Monaten.
- Die positiven Beschäftigungseffekte zeigten sich bei ukrainischen Geflüchteten über nahezu alle Alters- und Geschlechtergruppen hinweg. Bei anderen Geflüchtetengruppen konzentrierten sie sich stärker auf Männer und auf Jüngere.
- Die zusätzlichen Beschäftigungsaufnahmen erfolgten überwiegend in reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Zudem finden sich keine Hinweise darauf, dass daraus Nachteile für die Kontaktraten oder die Beschäftigungsübergänge anderer Arbeitsloser erwachsen sind.
Bild: Fotofreundin/adobe.stock.com
DOI:10.48720/IAB.FOO.20260921.01
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Autoren:
- Jens Hainmueller
- Moritz Marbach
- Dominik Hangartner
- Niklas Harder
- Ehsan Vallizadeh