24. Juni 2026 | Bildung und Qualifizierung
Der steinige Weg zueinander – Aus(zu-)bildende in der Wirtschaftskrise
Was können Betriebe und Politik gemeinsam tun, um mehr junge Menschen fit für die Ausbildung zu machen und ihre Begeisterung dafür zu wecken? Wie lassen sich Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt lösen? Und wie können Betriebe überzeugt und unterstützt werden, damit benachteiligten Jugendlichen eine Ausbildung ermöglicht werden kann? Diese und weitere Fragen standen am 24. April dieses Jahres im Mittelpunkt des gemeinsamen Webinars „Der steinige Weg zueinander – Aus(zu-)bildende in der Wirtschaftskrise“ von IAB und OECD Berlin Centre.
IAB-Forscherin Dr. Ute Leber.
In ihrem einleitenden Vortrag präsentierten Dr. Ute Leber und Prof. Bernd Fitzenberger vom IAB Zahlen zu aktuellen Entwicklungen am Ausbildungsmarkt. Wie die Ergebnisse des IAB-Betriebspanels zeigen, ist die betriebliche Ausbildungsbeteiligung vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Lage im vergangenen Jahr gesunken. Ebenfalls zurückgegangen ist der Anteil der unbesetzten Ausbildungsplätze. Er bewegt sich jedoch insbesondere in Kleinstbetrieben mit weniger als zehn Beschäftigten sowie in bestimmten Branchen wie dem Baugewerbe oder dem Handel nach wie vor auf einem hohen Niveau.
IAB-Direktor Prof. Bernd Fitzenberger, PhD.
Aktuelle Befunde der BeYou-Studie (Berufswahl und Du) des IAB machen deutlich, dass Jugendliche mehrere Bildungswege nach dem ersten Schulabschluss in Betracht ziehen. Auch unter den sogenannten Ratsuchenden besteht Interesse an einer betrieblichen Ausbildung, doch haben viele noch keine konkreten beruflichen Vorstellungen. Zudem zeigen die empirischen Ergebnisse zur Ausbildung im Handwerk, dass die Mehrheit der Auszubildenden nach der Schule erst einmal etwas anderes gemacht hat. Zwei Drittel schließen entweder die erste oder die zweite Ausbildung erfolgreich ab.
Im Anschluss diskutierten El Iza Mohamedou, PhD, von der OECD, Dr. Magdalena Polloczek vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI), Burcu Sicilia, Mitglied des Gesamtbetriebsrats von VW, und Dr. Veit Echterhoff, Ausbildungsleiter bei thyssenkrupp Steel, unter der Moderation von Nicola Brandt von der OECD über die aktuelle Lage am Ausbildungsmarkt.
Burcu Sicilia: „Bildungswege der Ausbildungsplatzbewerber*innen bei VW sind diverser geworden.“
Aus Sicht von Burcu Sicilia sind Grundlagen aus der Schule bei vielen Bewerber*innen oftmals nicht ausreichend vorhanden, insbesondere bei Mathematik-Kenntnissen werden erhebliche Defizite beobachtet. Bei VW gibt es Online-Tests und einen Präsenztag, wenn die Online-Bewerbung erfolgreich war. Generell sei zu beobachten, dass diverse Bildungswege zunehmend relevant geworden seien, sagte die Betriebsrätin bei VW in Wolfsburg. Dies bezieht sich auch auf die Bewerbung von jungen Menschen, die ihren Schulabschluss unter anderem im Ausland erworben haben.
Veit Echterhoff: „Voraussetzung für eine Bewerbung bei thyssenkrupp ist ein Schulabschluss.“
Voraussetzung für eine Ausbildung bei thyssenkrupp Steel ist laut Veit Echterhoff ein Schulabschluss. Er verwies auf die Unterstützung der Auszubildenden durch interne Maßnahmen der Ausbildungsbetriebe, durch Unternehmensnetzwerke und durch externe Anbieter wie die Bundesagentur für Arbeit. Der Anteil der erfolgreichen Ausbildungsabsolventen sei bei thyssenkrupp wesentlich höher als in den Ergebnissen aus Studien, die sich auf den gesamten Arbeitsmarkt bezögen, so der Ausbildungsleiter.
El Iza Mohamedou: „Die OCED plant die Messung praktischer Fähigkeiten.“
El Iza Mohamedou berichtete darüber, dass die Basiskenntnisse vor allem bei jungen Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen geringer geworden sind. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beabsichtigt, eine internationale Bewertung einzuführen, um die praktischen Kompetenzen von Jugendlichen zu messen, die an Programmen der beruflichen Bildung teilnehmen. Das sei besonders für die Arbeitgeber von Interesse, so die Leiterin des OECD Centre for Skills. Auch Deutschland beteiligt sich an der Studie PISA-VET. Die Ergebnisse sollen 2030 erstmals veröffentlich werden, eine Pilotstudie wird bereits vorher durchgeführt.
Magdalena Polloczek: „Mehr Engagement für die betriebliche Ausbildung ist erforderlich.“
Magdalena Polloczek betonte, dass sich die Ausbildungssituation für Jugendliche verschärft habe, da das betriebliche Ausbildungsengagement seit der Corona-Krise zurückgegangen sei. Zudem seien aufgrund der Digitalisierung Soft-Skills wichtiger geworden. Den Nachbesserungsbedarf, um Passungsprobleme zu beheben, schätzt sie als recht groß ein. Das betrifft die Verfügbarkeit von Ausbildungsplätzen wie auch die Berufsorientierung. Die sowieso schon große Mobilitätsbereitschaft junger Menschen sollte finanziell stärker unterstützt werden, so die Leiterin des Referats für Aus- und Weiterbildung für eine transformierte Arbeitswelt am WSI.
Bernd Fitzenberger: „Verknüpfung der relevanten Daten wäre wünschenswert.“
IAB-Direktor Bernd Fitzenberger betonte die Bedeutung der Transformationsproblematik. Wünschenswert wäre die Verknüpfung von Arbeitsmarktindikatoren sowie den Daten der Betriebe und Auszubildenden. Auf Nachfrage erläuterte er, dass die Anzahl der ausländischen Auszubildenden zugenommen hat. Gleichwohl sei die Gruppe der Auszubildenden mit eigenem oder elterlichem Migrationshintergrund (noch) bei der betrieblichen Ausbildung unterrepräsentiert.
Ute Leber: „Auch weiche Faktoren spielen bei der Ausbildungsentscheidung eine Rolle.“
Auf die Frage, welche Faktoren bei der Ausbildungsentscheidung von jungen Menschen eine Rolle spielen, erläuterte Ute Leber, dass es sich hierbei neben der Ausbildungsvergütung auch um weichere Faktoren wie das Betriebsklima handele. Die IAB-Forscherin verwies zudem auf die Ergebnisse des IAB-Betriebspanels, wonach viele Betriebe zusätzlich zur Ausbildungsvergütung Sonderleistungen wie Zuschüsse zum Wohnen oder zum Führerschein anbieten.
Zusammenfassend lässt sich als Ergebnis der Diskussion festhalten, dass zur Steigerung der Anzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge und der Verringerung der Anzahl der unbesetzten Ausbildungsplätze eine Reihe von Maßnahmen erforderlich sind. Dazu gehören die Verstärkung der Berufsorientierung und die Unterstützung der Jugendlichen beim Erwerb von Basiskompetenzen ebenso wie die Unterstützung von Betrieben und Jugendlichen, um Ausbildungsabbrüche zu vermeiden, und die Verbesserung der Attraktivität der dualen Ausbildung.
Eine Aufzeichnung des Webinars können Sie auf dem YouTube-Kanal der OECD abrufen.
Bild: Five/stock.adobe.com
DOI: 10.48720./IAB.FOO.20260624.01
Bellmann, Lutz; Fitzenberger, Bernd; Leber, Ute (2026): Der steinige Weg zueinander – Aus(zu-)bildende in der Wirtschaftskrise, In: IAB-Forum 24. Juni 2026, https://iab-forum.de/der-steinige-weg-zueinander-auszu-bildende-in-der-wirtschaftskrise/, Abrufdatum: 24. June 2026
Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Autoren:
- Lutz Bellmann
- Bernd Fitzenberger
- Ute Leber