8. Juli 2026 | Serie „Berufliche Weiterbildung“
Berufsberatung im Erwerbsleben: Frauen und Teilzeitbeschäftigte sind bei den beratenen Beschäftigten weiterhin besonders stark vertreten
Gesine Stephan , Anna Heusler , Julia Lang , Christopher Osiander
Berufliche Anforderungen wandeln sich im Zeitablauf, zum Beispiel durch technologischen Fortschritt und strukturellen Wandel. Aber auch berufliche Interessen und Bedürfnisse können sich im Laufe der Zeit verändern – etwa durch familiäre Umstände oder den Wunsch, sich beruflich zu verbessern. Allerdings wissen viele Menschen nicht genau, welche beruflichen Veränderungen für sie möglich und sinnvoll sein könnten.
Die Bundesagentur für Arbeit bietet daher seit dem Jahr 2020 eine „Berufsberatung im Erwerbsleben“ (BBiE) an. Die BBiE stellt ein kostenloses Angebot für Menschen bereit, die erwägen, sich beruflich neu zu orientieren. Sie soll den Beratenen dabei helfen, ihre beruflichen Perspektiven realistisch einzuschätzen und fundierte Entscheidungen für ihren weiteren Berufsweg zu treffen. Für die Beratung wurden eigene Teams eingerichtet. Das Angebot umfasst Beratungsgespräche und berufsorientierende Veranstaltungen. Zentrale Themen sind berufliche Neuorientierung, Weiterbildung und Karriereplanung. Katja Hartosch, Linda Heuer, Julia Lang und Angela Ulrich zeigen im IAB-Forschungsbericht 22/2025, dass sowohl Akteure am Arbeitsmarkt (wie Kammern, Bildungsträger, Volkshochschulen, Ministerien oder Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften) als auch die Berater*innen selbst die BBiE überwiegend positiv einschätzen.
Die Hauptzielgruppe der BBiE sind Beschäftigte. Sie richtet sich zudem an Personen, die vor einem beruflichen Wiedereinstieg stehen. Weiterhin können sich Arbeitsuchende und Arbeitslose beraten lassen, die sich beruflich neu orientieren möchten, aber noch keine konkreten Vorstellungen dazu haben.
Eine aktuelle Auswertung zeigt, dass bestimmte Gruppen von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten das Angebot überproportional häufig nutzten. Gegenstand der Auswertung sind Beschäftigte, die im Jahr 2024 zum ersten Mal im Rahmen der BBiE beraten wurden (die überwiegende Mehrheit der Beratenen nimmt nur einen Beratungstermin wahr). Sie wurden mit einer repräsentativen Zufallsstichprobe von Beschäftigten verglichen, die die Beratung nicht genutzt haben und die im Folgenden als „Referenzgruppe“ bezeichnet wird (siehe Infokasten „Datenbasis“). Die Auswertung aktualisiert die Befunde einer ebenfalls im IAB-Forum erschienenen Studie von Anna Heusler, Julia Lang und Gesine Stephan für das Jahr 2021.
Die Zahl der betrachteten beratenen Beschäftigten, so das Ergebnis der aktuellen Auswertung, stieg insgesamt von etwa 45.000 im Jahr 2021 auf knapp 60.000 im Jahr 2024 (die Kriterien für die Auswahl der erfassten Personen finden sich ebenfalls im Infokasten „Datenbasis“).
Die sozio-demografische Zusammensetzung der Gruppe der Beratenen änderte sich gegenüber 2021 kaum
Im Jahr 2024 lag der Anteil der Frauen unter den Beratenen mit 62 Prozent ähnlich hoch wie im Jahr 2021 – und damit deutlich über dem Anteil von 46 Prozent in der Vergleichsgruppe der nicht beratenen Beschäftigten (siehe Abbildung 1). Auch deutsche Staatsangehörige waren bei der Beratung gegenüber der Referenzgruppe überpräsentiert (18 % versus 14 %). Ostdeutsche waren leicht unterrepräsentiert (17 % versus 19 %). In Bezug auf den höchsten Bildungsabschluss zeigen sich kaum Unterschiede zwischen der Gruppe der Beratenen und der Referenzgruppe.
Sehr viel deutlicher sind die Unterschiede erwartungsgemäß mit Blick auf das Alter: Jüngere Erwerbstätige zwischen 18 und 34 Jahren nutzten die BBiE im Vergleich zur Referenzgruppe weiterhin überdurchschnittlich häufig (11 % versus 5 %). Ältere Beschäftigte ab 55 Jahren waren dagegen deutlich unterrepräsentiert: Sie machten nur 9 Prozent der Beratenen aus, aber ein Viertel der Referenzgruppe.
Beschäftigte, die Tätigkeiten mit geringeren und mittleren Anforderungsniveaus ausüben, sind überrepräsentiert
Im Jahr 2024 arbeiteten 43 Prozent der Beratenen in Teilzeit, in der Referenzgruppe nur knapp ein Drittel. Der im Vergleich hohe Anteil an Teilzeitbeschäftigten dürfte damit zusammenhängen, dass die BBiE überproportional häufig von Frauen genutzt wird. Zudem ist der Anteil der befristet Beschäftigten unter den Beratenen deutlich höher als in der Vergleichsgruppe (23 % versus 14 %). Letzteres deutet darauf hin, dass Personen mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen das Beratungsangebot besonders häufig nutzten.
Beratene arbeiteten weiterhin etwas häufiger als die Referenzgruppe in Tätigkeiten mit geringeren oder mittleren Anforderungen (siehe Abbildung 2): Helfertätigkeiten und Fachtätigkeiten waren bei den Beratenen (leicht) überdurchschnittlich vertreten, während sie etwas seltener komplexe und hoch komplexe Tätigkeiten ausübten als die Referenzgruppe.
Die Beratenen waren in bestimmten Berufssegmenten deutlich überrepräsentiert (siehe Abbildung 2). Dies betrifft insbesondere soziale und kulturelle Dienstleitungsberufe (zum Beispiel Fachkräfte und Spezialist*innen im Bereich Kinderbetreuung und -erziehung). Dort waren 16 Prozent aller Beratenen tätig, aber nur 9 Prozent der Vergleichsgruppe. Auch in Gesundheits- sowie in Handelsberufen waren die Beratenen mit jeweils 14 Prozent stärker vertreten als die Personen aus der Referenzgruppe. Dort waren es nur 11 beziehungsweise 9 Prozent.
Überraschend ist, dass Berufe mit einem hohen Anteil an Routine-Tätigkeiten bei den Beratenen im Mittel schwächer vertreten waren als bei den Referenzpersonen, Berufe mit einem hohen Anteil manueller und interaktiver Nichtroutine-Tätigkeiten hingegen stärker (siehe Abbildung 3). Routine-Tätigkeiten können perspektivisch häufiger durch Roboter und Computer ersetzt werden als Nichtroutine-Tätigkeiten – im Fachjargon wird dies als „Substituierbarkeitspotenzial“ bezeichnet. Daher sprechen diese Befunde eher dagegen, dass die BBiE vor allem in Anspruch genommen wird, weil die Beratenen negative Folgen der Digitalisierung auf die eigene Arbeit erwarten. Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, in welchen Berufen und Branchen die Beratenen vor allem tätig sind.
Beschäftigte aus dem Gesundheits- und Sozialbereich sowie aus kleineren Betrieben sind nach wie vor überrepräsentiert
Mit Blick auf die Branchen, in denen die Beratenen arbeiteten, zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede zur Vergleichsgruppe (siehe Abbildung 4). Wie schon im Jahr 2021 lassen sich besonders oft und überproportional Beschäftigte beraten, die im Gesundheits- und Sozialwesen sowie im Handel arbeiteten (20 % beziehungsweise 17 %). Das waren jeweils deutlich mehr als in der Vergleichsgruppe (15 % beziehungsweise 13 %). Beim verarbeitenden Gewerbe hingegen lag der Anteil der Beratenen deutlich unter der Referenzgruppe (14 % versus 21 %). Auch dies deckt sich weitgehend mit den Befunden aus dem Jahr 2021.
Bei den Betriebsgrößen entspricht das Bild ebenfalls dem bereits 2021 erkennbaren Muster: Beratene arbeiteten häufiger in kleinen und mittleren Betrieben mit bis zu 49 Beschäftigten (insgesamt 42 % in Vergleich zu 35 % in der Referenzgruppe) und seltener in Betrieben mit 250 oder mehr Beschäftigten (26 % versus 36 %). Dies könnte damit zusammenhängen, dass größere Betriebe häufiger über eigene Beratungsstrukturen verfügen und ihre Beschäftigten daher nicht so häufig auf externe Angebote angewiesen sind. Möglicherweise haben Beschäftigte in größeren Betrieben auch weniger Anreize, sich beruflich umzuorientieren.
Fazit
Die Berufsberatung im Erwerbsleben wurde im Jahr 2024 weiterhin vor allem von jenen Beschäftigtengruppen genutzt, die bereits 2021 überdurchschnittlich vertreten waren: Frauen, Jüngere, Teilzeitkräfte, Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit, Personen in Tätigkeiten mit geringeren oder mittleren Anforderungen sowie Beschäftigte aus kleineren Betrieben und bestimmten Branchen wie dem Gesundheits- und Sozialwesen oder dem Handel.
Die hier skizzierten Befunde sind Teil eines umfangreicheren Forschungsprogramms am IAB. Für das Jahr 2026 sind Wirkungsanalysen für die Zugangskohorten der Jahre 2021 und 2022 geplant, die der Frage nachgehen, ob und wie sich eine Beratung auf die Erwerbsverläufe ausgewirkt hat. Zudem wird das IAB mithilfe einer Befragung untersuchen, wie gut sich beratene und ähnliche nicht beratene Beschäftigte über berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten informiert fühlen.
In aller Kürze
- Die Bundesagentur für Arbeit bietet seit dem Jahr 2020 eine Berufsberatung im Erwerbsleben (BBiE) an. Eine zentrale Zielgruppe sind sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.
- Frauen, jüngere Erwerbstätige, Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit, Teilzeitbeschäftigte sowie befristet Beschäftigte nahmen die Beratung überproportional in Anspruch. Die Beratenen arbeiteten zudem häufiger in Tätigkeiten mit geringeren oder mittleren Anforderungen sowie in kleineren Betrieben. Beschäftigte aus sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen sowie aus Gesundheitsberufen waren ebenfalls überrepräsentiert.
- Bemerkenswerterweise ist der Anteil von Routine-Tätigkeiten in den Berufen, in denen die Beratenen arbeiten, tendenziell eher niedriger als bei nicht beratenen Personen. Demnach dürfte die Digitalisierung bisher kein entscheidender Faktor für die Inanspruchnahme der BBiE sein.
Infokasten zur Datenbasis
Datengrundlage sind die IAB Historik Berufsberatung im Erwerbsleben (BBE 01.01.00-202510), die Integrierten Erwerbsbiografien (IEB V17.02.00-20241) und das Betriebshistorikpanel (BHP 7524_v1) des IAB. Der aktuellen Kohorte werden zudem Daten aus dem IAB-Berufepanel (2012-2022, V2) zugespielt; diese vergleichsweise neue Datenbasis wird in einem 2023 erschienenen Beitrag von Katharina Grienberger, Markus Janser und Florian Lehmer beschrieben. Die hier genutzten Informationen zu den sogenannten Tasks in Berufen beziehen sich auf das Jahr 2022. Das Task-Konzept des IAB wird in einem Methodenreport von Katharina Dengler, Britta Matthes und Wiebke Paulus erläutert.
Nach Aufbereitung und Bereinigung der Daten umfasst der Datensatz, die im Jahr 2024 erstmalig eine Beratung erhielten, gut 115.000 Personen. Unter diesen waren gut 64.000 regulär Beschäftigte (56 Prozent aller Beratenen). Die folgenden Auswertungen beziehen sich auf knapp 60.000 Beschäftigte, bei denen Informationen für alle genutzten Variablen vorlagen und die zum Zeitpunkt der Erstberatung zwischen 18 und 65 Jahre alt waren. Alle ausgewiesenen Merkmale beziehen sich auf das Datum der Erstberatung.
Die Referenzgruppe nicht beratener Beschäftigter wird aus einer Zwei-Prozent-Stichprobe der IEB gezogen. Hier liegen für knapp 580.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zwischen 18 und 65 Jahren alle relevanten Informationen vor. Den Referenzpersonen wird ein hypothetisches Beratungsdatum zugespielt, das aus der Verteilung der Beratungsdaten der tatsächlich beratenen Personen gezogen wird.
Literatur
Dengler, Katharina; Matthes, Britta; Paulus, Wiebke (2014): Berufliche Tasks auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Eine alternative Messung auf Basis einer Expertendatenbank, FDZ-Methodenreport Nr. 12.
Grienberger, Katharina; Janser, Markus; Lehmer, Florian (2023): The Occupational Panel for Germany. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 243, S. 711–724.
Hartosch, Katja; Heuer, Linda; Lang, Julia; Ulrich, Angela (2025): Stakeholder-Perspektiven auf die Berufsberatung im Erwerbsleben (BBiE): Ergebnisse einer qualitativen Studie. IAB-Forschungsbericht Nr. 22.
Heusler, Anna; Lang, Julia; Stephan, Gesine: Wer nutzt die „Berufsberatung im Erwerbsleben“ der Bundesagentur für Arbeit? In: IAB-Forum, 24.1.2024
Bild: contrastwerkstatt/stock.adobe.com
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260708.01
Stephan, Gesine; Heusler, Anna; Lang, Julia; Osiander, Christopher (2026): Berufsberatung im Erwerbsleben: Frauen und Teilzeitbeschäftigte sind bei den beratenen Beschäftigten weiterhin besonders stark vertreten, In: IAB-Forum 8. Juli 2026, https://iab-forum.de/berufsberatung-im-erwerbsleben-frauen-und-teilzeitbeschaeftigte-sind-bei-den-beratenen-beschaeftigten-weiterhin-besonders-stark-vertreten/, Abrufdatum: 8. July 2026
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Autoren:
- Gesine Stephan
- Anna Heusler
- Julia Lang
- Christopher Osiander