10. April 2026 | Interviews
IAB-Regionalprognose 2026: „Ein flächendeckender Beschäftigungsaufbau ist nicht in Sicht“

Dr. Anja Rossen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Regionalen Forschungsnetz des IAB.
Frau Rossen, das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 endlich wieder um 0,8 Prozent wachsen. Trotzdem prognostizieren Sie, dass die Beschäftigung in zehn Bundesländern sinken wird. Wie passt das zusammen?
Die deutsche Wirtschaft befindet sich weiterhin in einer Schwächephase. Ein Wachstum von 0,8 Prozent ist da zu gering, um flächendeckend zusätzliche Beschäftigung aufzubauen. Vor allem in der Industrie gehen Arbeitsplätze verloren. Andere Bereiche wie Gesundheit, Bildung und der öffentliche Sektor wachsen dagegen. Da die Industrie regional unterschiedlich stark vertreten ist, wirkt sich das auch ungleich auf die Bundesländer aus. Zudem wird ein möglicher Beschäftigungsaufbau dadurch begrenzt, dass sich das Erwerbspersonenpotenzial in den Regionen unterschiedlich entwickelt. Es ist trotz Zuwanderung und steigender Erwerbsbeteiligung vor allem in den ostdeutschen Flächenländern durch den demografischen Wandel weiterhin eingeschränkt.
Auch die Beschäftigung in Großstädten stagniert, dabei gelten sie eigentlich als Wachstumsmotoren. Haben sie inzwischen an Dynamik verloren?
Großstädte bleiben zentrale Wachstumstreiber, aber auch sie spüren die gesamtwirtschaftliche Schwäche. Bereits 2023 lag die Wachstumsrate der Beschäftigung auch dort infolge geopolitischer Veränderungen und Krisen einen Prozentpunkt unterhalb derjenigen des Vorjahres. Die prognostizierte Stagnation bedeutet aber nicht, dass die Großstädte ihre Bedeutung verlieren, sondern dass ihre Dynamik vorübergehend gebremst ist. Strukturprobleme, etwa in der Industrie, wirken sich durch wirtschaftliche Verflechtungen auch auf urbane Räume aus. Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit wachsen zwar weiter, können die Verluste in anderen Bereichen derzeit aber nicht ausgleichen.
Die Arbeitslosigkeit im SGB II geht leicht zurück. Ein Grund dafür ist die Entwicklung bei den ukrainischen Geflüchteten.
In 13 von 16 Bundesländern steigt die Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig sinkt sie im Rechtskreis SGB II und steigt im Rechtskreis SGB III. Was sagt uns das über die Zusammensetzung der Arbeitslosen?
Die aktuelle Entwicklung zeigt uns, dass vor allem die Arbeitslosigkeit im SGB III auf die konjunkturelle Schwäche reagiert. Hier finden sich überwiegend Personen, die ihre Beschäftigung erst vor Kurzem verloren haben. Gleichzeitig geht die Arbeitslosigkeit im SGB II leicht zurück, das stimmt. Ein Grund dafür ist die Entwicklung bei den ukrainischen Geflüchteten. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer gelingt es inzwischen mehr Personen aus dieser Gruppe, in Beschäftigung zu wechseln. Zudem sieht ein aktueller Gesetzentwurf der Bundesregierung vor, dass ab April 2025 eingereiste ukrainische Geflüchtete nicht mehr dem SGB II, sondern dem Asylbewerberleistungsgesetz zugeordnet werden. Auch dadurch kommt es im Jahresdurchschnitt 2026 zu einer Umschichtung zwischen den beiden Rechtskreisen.
Die Wirkung des Bundesfinanzpakets hängt davon ab, wie die Wirtschaftsstruktur vor Ort ist.
Sie nennen das Bundesfinanzpaket als möglichen positiven Impuls. Wie schnell könnte sich das auf die regionalen Arbeitsmärkte auswirken? Und welche Regionen würden davon zuerst profitieren?
Die Wirkung solcher Maßnahmen tritt in der Regel mit einer gewissen Verzögerung ein, da Investitionen zunächst geplant und umgesetzt werden müssen. Erste Impulse dürften in Regionen sichtbar werden, die stark von öffentlichen Investitionen profitieren, etwa durch Infrastrukturprojekte. Auch Regionen mit einer starken Bauwirtschaft dürften frühzeitig Impulse spüren. Insgesamt hängt die Wirkung des Bundesfinanzpakets also davon ab, wie die Wirtschaftsstruktur vor Ort ist. Entscheidend wird außerdem sein, wie schnell und zielgerichtet die geplanten Maßnahmen in den Regionen umgesetzt werden.
Literatur
Heining, Jörg; Kuhn, Sarah; Jahn, Daniel; Rossen, Anja; Sujata, Uwe; Uhlig, Max Andreas; Weyh, Antje (2026): Regionale Arbeitsmarktprognosen 2026: Konjunkturschwäche belastet die regionalen Arbeitsmärkte weiterhin. IAB-Kurzbericht Nr. 6.
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260410.01
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Autoren:
- Christiane Keitel

Christiane Keitel ist wissenschaftliche Redakteurin im Geschäftsbereich „Medien und Kommunikation“ am IAB.