14. April 2026 | Bildung und Qualifizierung
Wann der Ausbildungsabbruch zur Einkommensfalle wird – und wann nicht
Die Problematik von Ausbildungsabbrüchen und ihrer ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen beschäftigt die Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik seit vielen Jahren. Angesichts von Fachkräfteengpässen, die sich durch den demografischen Wandel noch deutlich verschärfen werden, und der zentralen Rolle der dualen Berufsausbildung für die Zukunftschancen vieler junger Menschen in Deutschland hat sich die Politik zum Ziel gesetzt, die Zahl solcher Abbrüche deutlich zu reduzieren.
Seit Langem ist bekannt, dass Ausbildungsabbrüche langfristig mit geringeren Löhnen, instabileren Erwerbsverläufen und längeren Phasen von Arbeitslosigkeit einhergehen können. Weniger klar ist jedoch, inwieweit diese Zusammenhänge wirklich kausal sind – ob also der Abbruch einer Ausbildung ursächlich für diese Ergebnisse ist, und ob die Folgen eines Abbruchs alle Jugendlichen gleichermaßen stark treffen.
Im Folgenden werden zentrale Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt präsentiert, in dem diese Fragen auf Basis umfangreicher administrativer Längsschnittdaten aus Deutschland untersucht werden. Hierzu wird insbesondere auf eine jüngst erschienene Studie Bezug genommen („Stratified Scars: Social inequality in the labor market consequences of apprenticeship dropout“) und deren Ergebnisse in arbeitsmarktpolitische und arbeitsmarkttheoretische Debatten eingeordnet.
Ausbildungsabbrüche sind sozial selektiv
Ein zentrales Problem der bisherigen Forschung besteht darin, dass Ausbildungsabbrüche sozial selektiv sind, also bestimmte Gruppen von Jugendlichen ihre Ausbildung häufiger abbrechen als andere. Denn Jugendliche, die ihre Ausbildung abbrechen, unterscheiden sich systematisch von Ausbildungsabsolvent*innen – etwa hinsichtlich schulischer Leistungen, sozialer Herkunft, betrieblicher Einbindung oder regionaler Arbeitsmarktbedingungen. Diese Faktoren beeinflussen aber zugleich die späteren Erwerbs- und Einkommenschancen.
Rein deskriptive Vergleiche überschätzen daher häufig die negativen Folgen eines Ausbildungsabbruchs oder lassen offen, ob diese tatsächlich durch den Abbruch selbst verursacht werden oder durch andere Faktoren bedingt sind.
Zur Lösung dieses Problems nutzt die Studie die Tatsache aus, dass eine geringere räumliche Distanz zu großen Unternehmen die wahrgenommenen alternativen Arbeitsmarktoptionen während der Ausbildung erhöht – und damit auch die Wahrscheinlichkeit eines Abbruchs.
Vereinfacht bedeutet dies: Von zwei Personen, die sich ähneln und die beide überlegen, ihre Ausbildung abzubrechen, wird dies eher diejenige in die Tat umsetzen, die in der Nähe attraktive Ausbildungs- oder Beschäftigungsalternativen vorfindet. In der Studie wird somit der kausale Effekt eines Ausbildungsabbruchs für jene Jugendlichen berechnet, die ihre Ausbildung wegen dieser attraktiven Alternativen abbrechen.
Betrachtet wird damit eine arbeitsmarktpolitisch besonders relevante Gruppe: Auszubildende, die faktisch die Wahl hatten, die begonnene Ausbildung abzuschließen, unmittelbar in einen Job einzusteigen, für den sie die Ausbildung nicht brauchten, oder den Ausbildungsplatz zu wechseln. Es geht demnach vor allem um Ausbildungsabbrüche, die durch äußere Faktoren verursacht sind und nur zu einem geringeren Teil durch bestimmte Charakteristika der Jugendlichen selbst. Damit wird also das methodische Problem der Selektivität von Ausbildungsabbrüchen gelöst.
Datengrundlage und Untersuchungsdesign
Die Analyse basiert auf einer Stichprobe von rund 650.000 Jugendlichen in der dualen Berufsausbildung, die zwischen 2000 und 2007 ihre Erstausbildung nach der Haupt- oder Realschule begonnen haben. Grundlage sind administrative Daten der Integrierten Erwerbsbiografien (IEB), die mit Geodaten zu Wohnorten sowie mit Betriebsinformationen verknüpft wurden. Dadurch lassen sich Erwerbsverläufe, Einkommen aus Beschäftigung und Leistungsbezug über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren nach Ausbildungsende präzise nachzeichnen.
Dabei wird betrachtet, welches Einkommen aus Erwerbstätigkeit sowie aus Leistungen der Grundsicherung und der Arbeitslosenversicherung die Betroffenen über zehn Jahre hinweg insgesamt erzielt haben. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass Ausbildungsabbrüche nicht nur mit niedrigeren Löhnen, sondern auch mit instabileren Erwerbsverläufen und längeren Phasen von Arbeitslosigkeit verbunden sein können.
Deutliche Einkommensverluste – aber nicht für alle
Die Ergebnisse zeigen zunächst klar: Ausbildungsabbrüche haben im Schnitt erhebliche Einkommensverluste zur Folge. Jugendliche, die ihre Ausbildung aufgrund einer anderen attraktiven Ausbildung oder Beschäftigung abbrechen, erzielen in den zehn Jahren nach Abbruch im Durchschnitt weniger als die Hälfte des kumulierten Einkommens vergleichbarer Absolventinnen und Absolventen.
Entscheidend ist jedoch, dass diese Einkommensverluste sozial stark ungleich verteilt sind (siehe Abbildung 1). Der negative Effekt eines Ausbildungsabbruchs konzentriert sich nämlich sehr stark auf Jugendliche aus eher benachteiligten Familien. Dabei wird soziale Herkunft über die Bildungsabschlüsse der Personen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Jugendlichen hergeleitet (siehe Infokasten „Messung sozialer Herkunft über Geodaten“).
Für diese Gruppe belaufen sich die Einkommensverluste gegenüber Absolvent*innen mit ähnlichem sozialem Hintergrund auf rund 45 Prozent: Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, haben im zehnjährigen Untersuchungszeitraum im Schnitt ein Einkommen von 153.000 Euro erzielt. Bei denjenigen, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, beläuft es sich auf lediglich 82.000 Euro.

Für Jugendliche aus sozial besser gestellten Familien zeigen sich hingegen keine kausalen Einkommensnachteile. Trotz des Abbruchs erreichen sie langfristig im Durchschnitt vergleichbare Einkommensniveaus wie Absolvent*innen aus derselben Herkunftsgruppe (jeweils 145.000 Euro).
Warum soziale Herkunft den Unterschied macht
Zur Erklärung dieser Unterschiede lassen sich zwei Mechanismen identifizieren. Erstens bestehen deutliche soziale Unterschiede bei der Rückkehr in Bildung. Jugendliche aus nicht benachteiligten Haushalten nehmen nach einem Abbruch häufiger erneut eine Ausbildung auf, sogenannte Zweite-Chance-Wege.
Zweitens unterscheiden sich die Arbeitsmarktzugänge derjenigen, die keinen weiteren Abschluss erwerben. Abbrecher*innen aus nicht benachteiligten Familien arbeiten deutlich häufiger in Tätigkeiten, die formal eigentlich einen Berufsabschluss erfordern. Sie sind also häufiger „unterqualifiziert“ für ihren Job, haben aber dennoch vergleichsweise gute Einkommens- und Aufstiegschancen. Bei benachteiligten Jugendlichen sind beide Wege seltener zu beobachten.
Diese Befunde verdeutlichen, dass soziale oder kulturelle Ressourcen – etwa persönliche oder berufliche Netzwerke, ein bestimmtes Auftreten oder bessere Informationen bei der Stellensuche – auch in einem stark zertifikatsorientierten Arbeitsmarkt wie dem deutschen eine zentrale Rolle spielen.
Einordnung: Ausbildungsabbrüche und institutionelle Arbeitsmärkte
Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse zu Übergängen vom dualen Bildungssystem in den Arbeitsmarkt. Einerseits bestätigen sie, dass formale Abschlüsse in Deutschland die Einkommenschancen im Schnitt stark verbessern. Andererseits zeigen sie, dass dieser Zusammenhang letztlich nur für Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien gilt.
Selbst in beruflich stark segmentierten Arbeitsmärkten wie hierzulande können manche Gruppen fehlende Berufsabschlüsse kompensieren. Die Folgen eines Ausbildungsabbruchs hängen damit nicht nur mit dem Abbruch selbst, sondern auch mit den verfügbaren sozialen Ressourcen zusammen.
Fazit
Für die Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik lassen sich mehrere Schlussfolgerungen ziehen. Erstens unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung präventiver Maßnahmen: Ausbildungsabbrüche sind ursächlich für reale und langfristige Einkommensverluste und damit nicht bloß Ausdruck anderer persönlicher Merkmale, die häufig mit einem Ausbildungsabbruch zusammenhängen.
Zweitens legen die Befunde nahe, Präventions- und Interventionsstrategien stärker sozial zu konzentrieren. Besonders wirksam sind Maßnahmen dort, wo sie Jugendliche aus einem benachteiligten sozialen Umfeld ansprechen.
Drittens zeigt die Analyse, dass auch nach einem Ausbildungsabbruch Handlungsspielräume bestehen. Bessere Möglichkeiten des Wiedereinstiegs in die berufliche Bildung, eine engere Begleitung beim Übergang in Beschäftigung und der Abbau von Zugangsbarrieren zu qualifizierten Tätigkeiten könnten dazu beitragen, die langfristigen Folgen eines Ausbildungsabbruchs zu begrenzen. Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht geht es also nicht nur darum, solche Abbrüche zu vermeiden, sondern auch darum, deren soziale Folgen zu reduzieren.
In aller Kürze
- Ausbildungsabbrüche sind angesichts von Fachkräfteengpässen und deren sozialen Folgen von hoher arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitischer Relevanz.
- Im Schnitt führen Ausbildungsabbrüche zu erheblichen langfristigen Einkommensverlusten.
- Diese Einkommensverluste beziehen sich auf Jugendliche, die ihre Ausbildung aufgrund von aus ihrer Sicht attraktiven Arbeitsmarktalternativen abbrechen.
- Die Einkommensverluste infolge eines Ausbildungsabbruchs konzentrieren sich fast ausschließlich auf Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien.
- Sozial eher privilegierte Jugendliche können einen solchen Abbruch sehr viel häufiger über eine erneute Ausbildung oder eine qualifizierte Beschäftigung kompensieren.
- Präventionsmaßnahmen und Wiedereinstiegshilfen in Bildung sind demnach besonders relevant für benachteiligte Gruppen.
Infokasten: Messung sozialer Herkunft über Geodaten
Informationen zur sozialen Herkunft der Auszubildenden liegen in administrativen Beschäftigtendaten nicht direkt vor. Die Studie nutzt daher kleinräumige Geodaten, um soziale Herkunft indirekt zu operationalisieren.
Konkret werden die Wohnorte der Jugendlichen zum Zeitpunkt des Ausbildungsbeginns geokodiert und mit sozialstrukturellen Merkmalen des Hauses verknüpft, in dem sie wohnen. Diese enthalten Informationen zur durchschnittlichen Einkommenssituation, zur Bildungsstruktur sowie zur Arbeitsmarkt- und Arbeitslosenquote der anderen Hausbewohner*innen.
In dem wissenschaftlichen Papier werden mehrere Dimensionen sozialer Benachteiligung (zum Beispiel Einkommen, beruflicher Status, Bildung) geprüft. Für die Hauptanalysen wird jedoch ein Indikator genutzt, der die Jugendlichen auf Basis der Bildung der anderen Hausbewohner*innen in zwei Gruppen einteilt. Jugendliche aus Häusern, in denen mindestens eine Person keinen beruflichen Abschluss aufweist, werden als eher benachteiligt klassifiziert, Jugendliche aus Häusern, in denen alle Bewohner*innen mindestens einen beruflichen Abschluss haben, als nicht benachteiligt.
Diese Vorgehensweise misst nicht die individuelle elterliche Bildung oder das Haushaltseinkommen, sondern die sozioökonomische Struktur des unmittelbaren Lebensumfelds.
Literatur
Ostermann, Kerstin; Patzina, Alexander; Morris, Katy (2026): Stratified scars: social inequality in the labour market consequences of apprenticeship dropout. In: European Sociological Review, S. 1–16.
Bild: Rawpixel.com/stock.adobe.com
DOI: 10.48720/IAB.FOO.20260414
Ostermann, Kerstin; Patzina, Alexander; Morris, Katy (2026): Wann der Ausbildungsabbruch zur Einkommensfalle wird – und wann nicht, In: IAB-Forum 14. April 2026, https://iab-forum.de/wann-der-ausbildungsabbruch-zur-einkommensfalle-wird-und-wann-nicht/, Abrufdatum: 14. April 2026
Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Autoren:
- Kerstin Ostermann
- Alexander Patzina
- Katy Morris

Dr. Kerstin Ostermann ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im RegioHub des Leibniz Science Campus an der Universität Bielefeld tätig.
Dr. Alexander Patzina ist Akademischer Rat am Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Bamberg und seit März 2024 Postdoc-Stipendiat der Daimler und Benz Stiftung.
Katy Morris, PhD, ist Postdoktorandin am Schwedischen Institut für Sozialforschung (SOFI) der Universität Stockholm.